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Verbraucherwünsche : Der verwirrte Bürger

  • -Aktualisiert am

Deutsche Widersprüche: 60 Prozent der Käufer von Fleisch im Discountmarkt spricht sich gegen die Massentierhaltung aus. Bild: Picture-Alliance

Bitte grün, gut und kostenlos: Als Verbraucher wollen wir alles, was sich gut anfühlt, auch wenn die Wünsche widersprüchlich sind. Das Problem delegieren wir an die Politiker. Und sind dann über sie empört.

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          Was will der Verbraucher? Massentierhaltung oder Bio-Sojabraten, Atomkraft oder Ökostrom, SUV oder öffentlichen Personennahverkehr? Die Antwort ist: Das weiß er oder sie selbst nicht. Beziehungsweise: Er weiß genau, dass er einfach alles will, was sich gut anfühlt, auch wenn die Wünsche fundamental widersprüchlich sind. Ein Beispiel: 80 Prozent der Befragten für eine neue Studie, die der F.A.Z. vorliegt, stimmten der Aussage zu: „Ich bin für die Energiewende, aber sie darf auf keinen Fall zu (noch) höheren Kosten für uns Bürger führen.“ Und etwa 60 Prozent der Käufer von Fleisch im Discountmarkt sprachen sich gegen die Massentierhaltung aus.

          Die Studie kommt vom privaten Marktforschungsinstitut Rheingold und befasst sich mit den Widersprüchlichkeiten von Verbrauchern, aber auch der Wähler. Demnach sieht es so aus: In der Rolle des „schizophrenen“ Sowohl-als-auch-Bürgers fühlt sich dieser bequem wohl, und die Entscheidungsfindungen delegiert er an die Politik. Dies allerdings nicht, ohne weiter mitzusprechen - in der Regel aus Sicht des Betroffenen, mit dem Herzen. Empörung, etwa über die Zerstörung von Landschaften durch Windräder oder die Massentierhaltung, entlädt sich je nach Anlass in den sozialen Medien beispielsweise in Gestalt eines Entrüstungssturms.

          Bild: F.A.Z.

          Neu daran sei, sagt der Studienautor Jens Lönneker der F.A.Z., dass die öffentliche Mehrheitsmeinung mit atemberaubender Geschwindigkeit variiere. „Die Psychologisierung des Öffentlichen führt mittlerweile auch dazu, dass privat-emotional geprägte Äußerungsformen heftigen Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen können“, sagt Lönneker. „Der innere Widerspruch wird salonfähig“, heißt es in der Studie. Das Verhalten steht oft in keinem Zusammenhang mit den geäußerten Meinungen.

          Politiker und Konzerne sind unmöglichen Forderungen ausgesetzt

          Sowohl Verbraucher als auch Wirtschaftsunternehmen scheuen eine Festlegung auf eindeutige Position. „Stattdessen wird eine Vielfalt und Parallelität unterschiedlicher Meinungen nebeneinander akzeptiert, zum Teil sogar explizit gewünscht“, heißt es in der Studie. Sie basiert auf 50 je eineinhalb- bis zweistündigen anonymen Interviews mit Politikern, Journalisten und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen - gefolgt von einer repräsentativen Online-Befragung von 1000 Bürgern. Die Studie wurde in Auftrag gegeben von der Heinz-Lohmann-Stiftung, welche vom Geflügelkonzern Wiesenhof (PHW) finanziert wird und Ernährungsstudien fördert. Auch mit Blick auf die Landwirtschaft sieht die Studie ein Spannungsverhältnis zwischen Annehmlichkeiten industrieller Produktionsformen und „Sehnsüchten nach stressfreieren Produktionsverhältnissen“.

          Rheingold resümiert, die Deutschen leisteten es sich, immer häufiger „paradoxe Auffassungen gleichzeitig zu vertreten“. In der Befragung neigten rund 60 Prozent der Teilnehmer dazu, zu einem Themenkomplex zwei logisch unvereinbare Standpunkte gleichzeitig einzunehmen. Scheint es einerseits salonfähig, selbst keinen klaren Standpunkt zu vertreten, verlangen die Leute dies aber von der Politik. Doch die Politiker sind nicht anders als die Bürger: Unter den befragten Politikern sagten manche, sie scheuten sich, klare Positionen einzunehmen, weil die öffentliche Meinung widersprüchlich sei und so schnell wechsle.

          Als glaubwürdig wird empfunden, wer Tränen zeigt

          Doch die Wähler klagen auch hierüber. Nach Meinung von 80 Prozent der Befragten stünden politische Parteien heutzutage nicht mehr für bestimmte Positionen ein, sondern „gefühlt für alles und jedes“. Das Image der Parteien ist dramatisch schlecht: nur 20 Prozent der Befragten halten sie für glaubwürdig; 77 Prozent der Befragten stimmten diesem Satz zu: „Man kann heute niemandem mehr trauen, alle verfolgen nur ihre eigenen Ziele.“

          Angela Merkel im Bürgerdialog
          Angela Merkel im Bürgerdialog : Bild: dpa

          Als glaubwürdig wird vor allem derjenige empfunden, der Tränen zeigt. Betroffene gelten acht von zehn Bürgern als vertrauenswürdig. Gefolgt von den NGO. „Die Nichtregierungsorganisationen haben dieses emotionale Element viel stärker in die öffentliche Auseinandersetzung hineingetragen, als alle anderen“, sagt Lönneker. „Es wird eine gesellschaftliche Konfrontation geben, wenn diese Bilder nicht zum Ausgleich gebracht werden.“ Flexibilität ist das Wort der Stunde. Zum Beispiel die „Flexitarier“: Sie halten vegetarische Ernährung für sinnvoll und ethisch korrekt, essen aber nicht selten Fleisch. Mit Blick auf die Autobranche sagte ein großer Teil der Befragten, dass sie spritsparend und umweltfreundlich führen, sich aber zugleich auch auf „Fahrspaß“ (hoher Geschwindigkeiten und hohem Spritverbrauch) Wert legten.

          Die Konsequenz des gespaltenen Verbraucher- und Wählerverhaltens ist laut der Studie Entwicklungsstillstand. Rheingold sieht eine saturierte Gesellschaft, die egoistisch auf Besitzstandswahrung und Befindlichkeiten fixiert sei und damit Entscheidungen blockiere, Veränderung und Modernisierung verhindere. Es herrsche eine fatalistische Grundhaltung, schlussfolgert die Studie aus den fünfzig sogenannten psychologischen Tiefeninterviews. In den Interviews, heißt es, vertraten manche Experten die Ansicht, nur durch eine von außen herbeiführte Krise könne dieser Zustand verändert werden. Genannt wurde religiöser Fundamentalismus oder die Flüchtlingsproblematik.

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