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Veränderte Lebensmittel : Deutschlands Bauern verschmähen den Gen-Mais

  • -Aktualisiert am

Der Mais ist heiß - nur Genmais wollen Deutschlands Bauern bisher selten anpflanzen. Bild: Picture-Alliance

Europas Bauern dürfen bald einen neuen gentechnisch veränderten Mais anbauen. Werden sie das tun? Ein Beispiel aus Deutschland spricht für das Gegenteil. Der Mais lohnt sich für die Bauern kaum.

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          Laut ist die Diskussion um Genmais in Deutschland, weil die Zulassung der Sorte „1507“ in der EU bevorsteht. Dabei ist überhaupt nicht sicher, dass Bauern in Deutschland den Mais in großem Maßstab einsetzen wollen. „Ich sehe gar nicht mal so ganz große Vorteile bei uns in Europa“, sagt zum Beispiel der Landwirt und CDU-Europaabgeordnete Karl-Heinz Florenz in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Dass andere Bauern so denken wie er, darauf deutet die Geschichte einer anderen Genmais-Sorte: Mon810.

          Sie wuchs bis vor sechs Jahren auf deutschen Feldern. Aber den Durchbruch schaffte sie bei weitem nicht. Von 300.000 Landwirten säten und ernteten nur rund 60 die Pflanzen, auf nur weniger als 4000 Hektar. So groß sind manche einzelne landwirtschaftliche Betriebe. Die jetzt zugelassene Sorte 1507 unterscheidet sich kaum vom älteren Mon810. Der Wirkstoff Bt ist identisch, wenn auch etwas höher konzentriert. Und der Genmais „1507“ ist außerdem resistent gegen das Herbizid Glufosinat.

          Warum nutzten nicht mehr Bauern die Sorte – wo sie doch angeblich so viel Nutzen bringt in Form von steigenden Erträgen und sinkendem Pestizideinsatz?

          Ein Grund: Der Anbau war wegen der gesetzlichen Bestimmungen insbesondere für Großbetriebe interessant. Denn die Landwirte waren zum einen gesetzlich verpflichtet, die Pflanzen in einigen hundert Metern Abstand zu benachbarten Feldern anzubauen, auf denen nicht genveränderte Pflanzen wuchsen. Somit lohnte es sich nur, auf großen Feldern die neue Pflanze auszusäen. Auch fürchteten viele, von den Nachbarn in Haftung genommen zu werden. Für Ökobauern oder Saatgutvermehrer etwa gilt eine Nulltoleranz-Regel. Das heißt: Wenn nur eine genveränderte Pflanze auf dem Öko-Feld wächst, verliert die ganze Ernte an Wert – und der Landwirt, der dies verschuldet, muss haften. Solche Fälle gab es in Deutschland aber nicht.

          Der Maisfresser wird langsam resistent

          Viele Landwirte scheuten auch den Konflikt mit Nachbarn und Anwohnern, es gab zum Beispiel in Franken Bürgerprotest und immer wieder Zerstörung durch sogenannte „Feldbefreier“ von Pflanzen auf den Feldern. Also bauten Landwirte den Mais in der Regel nur dort an, wo es wenig Widerstand gab: Wesentlich in dünn besiedelten Regionen, in denen sich viele benachbarte Bauern einig wurden, gemeinsam auf „Genmais“ umzustellen.

          Sie gründeten damals auch einen gemeinsamen Verein namens „Innoplanta“. Den gibt es auch heute noch, auch wenn die Agrarministerin Ilse Aigner im Jahr 2009 den Mon810-Mais auf Grundlage einiger Studien, aus denen sie Gesundheitsrisiken ablas, verbot und es seitdem keinen kommerziellen Anbau in Deutschland mehr gegeben hat.

          Innoplanta wittert nach der sich abzeichnenden Zulassung der Sorte 1507 in der EU eine neue Chance auf einen Anbau in Deutschland, auch wenn die Bundesregierung dies nicht zulassen will: „Die Landwirte haben das nicht aufgegeben, sie glauben, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es kommt. Der 1507 kann durchaus ein Türöffner sein“, sagt der Vorstand von Innoplanta, Uwe Schrader, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das Genmais-Experiment von 2004 bis 2009 war vor allem für Landwirte im Süden und Osten Deutschlands interessant, weil dort der Schädling Maiszünsler besonders verbreitet ist. Er frisst ab dem Spätsommer Teile der Maiskolben und zerstört so laut der Weltagrarbehörde FAO rund vier Prozent der Maisernte auf der ganzen Welt. In Unterfranken, am Oderbruch, im Süden Sachsen-Anhalts waren die Anbau-Schwerpunkte in Deutschland.

          In Franken war Reinhard Dennerlein einer der Bauern, die sich dem Experiment angeschlossen haben. „Durch Mon810 habe ich keine Probleme mit Mais-Schädlingen“, sagte er damals der Süddeutschen Zeitung. „Mon801 ist ein Risenfortschritt, er ist nicht aufzuhalten“. In Franken kommt es in manchen Jahren es zu großen Ernteverlusten von bis zu einem Drittel durch den Zünsler-Befall. „Die Erfahrung war durchaus positiv“, sagt auch Uwe Schrader.

          Gleichwohl treten in den Regionen etwa der Vereinigten Staaten, wo in riesigen Monokulturen genveränderte Sorten wie Mon810 wachsen, vermehrt Resistenzen von Zünslern gegen das Bt-Gift auf, wie auch Resistenzen von Wildkräutern gegen das Pestizid Glyphosat.

          In Nordwestdeutschland, wo der meiste Mais in Deutschland wächst, kam der „Genmais“ nie an. Landwirte in Niedersachsen, wo sehr viel Mais angebaut wird, interessierten sich nicht dafür. Denn dort ist das Insekt kaum verbreitet, und das Saatgut ist teurer als nicht genverändertes. Weil der Maiszünsler in Spanien weiter verbreitet ist, ist es dort auch der dort weiterhin zum Anbau zugelassene Mon810.

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