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Land in der Krise : Die venezolanische Krankheit

Seit Monaten protestieren Menschen gegen Präsident Nicolas Maduro. Bild: AFP

Venezuela hat größere Ölreserven als Saudi-Arabien. Trotzdem hungern die Leute, das Land steht vor einem Bürgerkrieg. Fünf Gründe, warum auch dieses sozialistische Projekt scheitern musste.

          1. Vom Öl allein wird niemand reich

          Die Natur hat es gut gemeint mit Venezuela. Im Orinoco-Becken, das sich quer durch das Land zieht, gibt es riesige Ölvorkommen, auch rund um den Maracaibo-See sprudeln die Ölquellen. So kommt es, dass Venezuela die Liste der Länder mit den größten Ölreserven mit weitem Abstand vor Saudi-Arabien anführt. Wie kann es sein, dass ein Land mit solchen Bodenschätzen wirtschaftlich vor dem Ruin steht? Dass viele seiner 31 Millionen Einwohner hungern, dass lebenswichtige Medikamente fehlen, dass die Regale in den Supermärkten leer sind? Staatspräsident Nicolás Maduro, der Venezuela seit 2013 regiert, redet sich mit einer einfachen Erklärung aus der Verantwortung: Um sein Land in die Knie zu zwingen und das von seinem Vorgänger Hugo Chávez 1999 begonnene sozialistische Projekt zu sabotieren, hätten die Vereinigten Staaten mit ihrem „grausamen Kapitalismus“ den Ölpreis in den Keller gedrückt, indem sie selbst ihre Fördermengen mit der Fracking-Methode vervielfacht haben.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wahr ist, dass der Ölpreis je Fass (159 Liter) in den fünf vergangenen Jahren im Durchschnitt von knapp 110 auf nur noch 40 Dollar gefallen ist. Wahr ist aber auch, dass er bei Chávez’ Amtsantritt 1999 noch viel niedriger lag, nämlich bei knapp 10 Dollar. Und dass alle anderen Ölförderländer mit den aktuellen Verhältnissen auf dem Ölmarkt besser zurechtkommen als Venezuela. Denn nirgendwo sonst ist die Abhängigkeit der gesamten Volkswirtschaft vom Ölexport so groß wie dort, er steht für 95 Prozent aller Ausfuhren. Anders gesagt, die venezolanische Wirtschaft bringt nach knapp zwei Jahrzehnten real existierendem Sozialismus im Großen und Ganzen nichts anderes mehr zustande, als Rohöl zu verkaufen. Andere Branchen sind verkümmert, der Ölpreisboom zwischen 1998 und 2008 hat die Inflation angetrieben, und niemand hat sich auf die Suche nach alternativen Einnahmequellen gemacht.

          Auf diesen Mechanismus hat der Sozialismus kein Patent. Seit dem Amsterdamer Tulpen-Boom im 17. Jahrhundert sind die Gebrechen einer Volkswirtschaft, die sich von einem einzigen, vorübergehend überaus einträglichen Produkt abhängig macht, als „Holländische Krankheit“ bekannt. Die venezolanische Variante ist schlimmer, und jetzt kommt der Sozialismus ins Spiel. Selbst die Ölindustrie liegt dort nun am Boden. Trotz der Milliardeneinnahmen aus dem Export wurde in den vergangenen Jahren viel zu wenig in neue Förderanlagen und Leitungen, moderne Häfen, Tanker und Raffinerien investiert. So kommt es, dass Venezuela heute weniger Öl fördert und weiterverarbeitet als vor fünf Jahren. Das verschärft die Auswirkungen des Ölpreisverfalls zusätzlich. Und führt zu der kuriosen Situation, dass die Venezolaner inzwischen sogar Benzin importieren müssen.

          2. Der Staat ist mies als Unternehmer

          Als Hugo Chávez 2006 auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, rief er den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ aus. Dessen Pfeiler sollten „Brüderlichkeit, Liebe, Freiheit und Gleichheit“ sein. In aller Welt lagen ihm die Linken für seine Sprüche zu Füßen. Schnell war entschieden, das stolze weiße Ross im Staatswappen fortan nicht mehr nach rechts, sondern nach links reiten zu lassen. Wenig später packte Chávez auch einen der konkreten Punkte auf jeder sozialistischen Agenda an: die Verstaatlichung der wichtigsten Unternehmen des Landes und die Enteignung ihrer bisherigen Inhaber. In der Ölbranche vollendete er damit die Vorarbeit seiner Vorgänger, die schon in den siebziger Jahren den Staatskonzern PVDSA gegründet und zum Quasi-Monopolisten gemacht hatten. Chávez ließ Tausende Mitarbeiter feuern, die eine andere Vorstellung von Liebe und Brüderlichkeit hatten als er selbst, und griff mit beiden Händen in die Unternehmenskasse, um Sozialprogramme zu finanzieren. Kein Wunder, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Firma auf der Strecke blieb.

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