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Ursula Sladek : Die Stromrebellin

  • -Aktualisiert am

Die Frau an der Spitze der EWS Elektrizitätswerke Schönau: Ursula Sladek Bild: Daniel Pilar - F.A.Z.

Atomkraftgegner beschreiben sie als „grundbürgerlich“, aber „mit einem rebellischen Blinken in den Augen“. Ursula Sladek hat mit anderen Bürgern ein Elektrizitätswerk gekauft. Jetzt bietet sie im ganzen Land Ökostrom an.

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          An ihrer Bürotür klebt ein braunes, angerissenes und vergilbtes Stück Papier: „www.stromrebellen.de“. Das war einmal. Wer heute die Zeilen in den Computer tippt, landet auf „www.ews-schoenau.de“. Das ist ein Unternehmen, das Ökostrom verkauft, der zum Beispiel aus Solar- und Wasserkraftwerken kommt.

          Chefin Ursula Sladek hat schon mal überlegt, die alte Internetadresse zu entfernen. Doch das verwarf sie wieder. Der Name prägt nicht nur das Image ihres Unternehmens, er spiegelt ihr Selbstverständnis wider - genauso wie das große Plakat darunter: „Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit“ fordert es. „Fight the Power.“ Frei übersetzt: Bekämpfe die Macht.

          Garantiert atomstromfrei

          Alle Atomkraftwerke abzuschalten ist illusorisch. Das weiß Ursula Sladek natürlich. „Nicht jammern“ lautet ihre Devise, sondern jeden Tag ein Stück darauf hinarbeiten. Mit der Atomkraft und dem Unfall von Tschnernobyl begann schließlich vor 21 Jahren auch die ereignisreiche Geschichte einer Hausfrau und Mutter, die heute aus einem 2500-Seelen-Städtchen im Schwarzwald heraus mehr als 56.000 Kunden mit „sauberem Strom“ bedient. Garantiert atomstromfrei, wie externe Prüfer regelmäßig bestätigen.

          Schönau im Schwarzwald

          Was natürlich Unsinn ist. Denn Strom ist Strom. Ursula Sladeks Antwort: „Natürlich bauen wir keine neuen Leitungen“, sagt sie. „Wir benutzen das allgemeine Netz, in dem sich aller Strom vermischt. Stellen Sie sich einfach vor, das Stromnetz wäre ein See voll Wasser . . .“ Auf der einen Seite die Erzeuger, auf der anderen die Verbraucher.

          Wer den Stromanbieter wechsele, bestimme nur, welche Erzeuger Wasser in den See schütten dürften. „Das Wasser im See ist derzeit sehr schmutzig, doch je mehr Menschen bestimmen, dass für sie sauberes Wasser eingespeist werden soll, desto klarer wird es“, sagt Sladek. Das gilt auch für Strom: Für jeden Kunden gibt sie so viel ins Netz wie dieser zu Hause entnimmt. So weit die Theorie.

          Praktisch passiert dies per Computer über ellenlange Excel-Dateien in der Schönauer Unternehmenszentrale. Dort arbeiten inzwischen 25 Leute, doch Platz hätten noch einmal so viele. Den Raum dafür hat sie sich schon vor drei Jahren zugelegt, als die EWS erst halb so groß war.

          100 bis 200 Neukunden pro Woche

          In diesem Jahr laufen ihr die Stromwechsler nur so zu: 100 bis 200 sind es pro Woche, mehr als 20.000 im Vergleich zum Vorjahr. Für ein kleines Unternehmen mit vielleicht 30 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr ist das eine Menge. Wobei Ursula Sladek noch nicht einmal großartig Werbung macht wie der Ökostrom-Konkurrent Lichtblick oder einen klangvollen Namen hätte wie Greenpeace Energy.

          Wer kennt schon EWS Schönau? Die Öko-Insider wissen natürlich Bescheid, auch im Schwarzwald sorgte der zehnjährige Kampf einer Bürgerinitiative um das eigene Stromnetz für viel Aufsehen. Doch über die Region hinaus hilft Ursula Sladek heute vor allem eines: das Rebellen-Image, das sie sehr geschickt einsetzt und das viele Kunden sogar schick finden.

          „Wir sind Stromrebellen, um der Kraft des Südens auch im Norden zum Durchbruch zu verhelfen“, dichten zum Beispiel die zwei offenbar an Pathos krankenden Ärzte Christoph Dembrowski und Michael Schulte aus Rotenburg im Internetforum des Unternehmens.

          Ursula Sladek persönlich wirkt überhaupt nicht wie eine Rebellin, das Etikett passt viel eher auf ihren Mann, eine imposante Erscheinung mit Rauschebart. Der Stadtarzt spielte die Hauptrolle in der Bürgerinitiative. Doch als der Kampf gewonnen war, das Schönauer Stromnetz der Bürgerinitiative gehörte und jemand 1997 ein Mini-Unternehmen mit 1700 Kunden führen musste, da übernahm Ursula Sladek.

          Vollauf beschäftigte Mutter von fünf Kindern

          Selbst Freunde und Wegbegleiter hatten die mit fünf Kindern vollauf beschäftigte Mutter anfangs nur am Rande wahrgenommen. Was sicher an ihrer Art liegt: nicht laut, sondern leise; nicht moralisierend, sondern handfest. Ihr Freund und Kunde, der Schokoladenfabrikant Alfred Ritter, beschreibt sie als „lustige Frau“. Viele erlebten sie als „direkt und ehrlich“, als jemand, der „kein Blatt vor den Mund nimmt“. Und häufig fällt mit Blick auf geschäftliche Dinge die Charakterisierung „zurückhaltend, aber durchsetzungsstark“.

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