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Untersuchungsbericht : Die Finanzkrise wäre vermeidbar gewesen

Mitverantwortlich für die Krise: Die Notenbanker Alan Greenspan (links) und Ben Bernanke (rechts) kommen ähnlich schlecht weg wie George W. Bush Bild: AP

„Die Krise war ein Ergebnis von menschlichem Handeln, Unterlassen und Fehleinschätzungen.“ Zu diesem Ergebnis kommt die vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama eingesetzte Untersuchungskommission zur Finanzkrise. Auf 576 Seiten schildert sie ein breites Versagen.

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          Die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten wäre zu vermeiden gewesen. Das ist das Kernergebnis der von Präsident Barack Obama zu diesem Thema eingesetzten Untersuchungskommission. „Die Krise war ein Ergebnis von menschlichem Handeln, Unterlassen und Fehleinschätzungen“, heißt es in dem am Donnerstag vorgelegten Abschlussbericht. Die überparteiliche Kommission war 2009 von Präsident Barack Obama einberufen worden, um die Krise zu untersuchen, die 2007 am amerikanischen Hypothekenmarkt begann, die Wall Street und das globale Finanzsystem an den Rande des Abgrunds brachte und die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzte. Die Kommission hatte 19 öffentlich Anhörungen abgehalten und mehr als 700 Zeugen befragt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Kommission schildert in dem 576 Seiten dicken Bericht ein breites Versagen von den Regulierern über die Finanzinstitute bis zur politisch gewollten Förderung des Eigenheimmarktes. Dreißig Jahre der Deregulierung hätten das System verändert und das Verhalten der Teilnehmer an den Finanzmärkten verändert. Politische Entscheidungsträger und Aufseher hätten den außer Kontrolle geratenen Strom an Hypotheken stoppen können. „Dramatische Fehler“ in der Unternehmensführung und im Risikomanagement großer Finanzinstitute seien ein Hauptgrund für die Krise.

          Schlechte Vorbereitung

          Die Regierung sei schlecht vorbereitet gewesen. Die Entscheidung, die Investmentbank Bear Stearns zu retten und dann die staatsnahen Hausfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zu übernehmen, Lehman Brothers nicht und den Versicherer AIG doch zu retten, habe zu Unsicherheit und Panik an den Märkten beigetragen. Als ein Beispiel für Fehlverhalten greift die Kommission die Zentralbank Federal Reserve heraus, die eine schärfere Regulierung des Hypothekenmarktes versäumt hätte. Der Vorsitzende der Kommission Phil Angelides sagte, der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke habe eingestanden, es sei ein Fehler gewesen, den Fluss an toxischen Hypotheken nicht einzudämmen. Die Kommission kritisiert auch den früheren Vorsitzenden der Federal Reserve, Alan Greenspan. Er habe die Idee vorangetrieben, dass Finanzinstitute sich selbst kontrollieren könnten. Bernanke und der frühere Finanzminister Henry Paulson hätten die Risiken im Hypothekenmarkt eher erkennen müssen.

          Nur die sechs von den Demokraten bestellten Mitglieder der Kommission tragen den Abschlussbericht mit. Von republikanischer Seite gibt es zwei Minderheitenvoten. Drei Republikaner, darunter der Vizevorsitzende der Kommission, Bill Thomas, wenden sich gegen den „gefährlichen Trugschluss“, dass die Krise mit mehr Regulierung, weniger Eigenheimsubventionen und verantwortungsvolleren Bankern hätte vermieden werden können. Die drei Abweichler sehen als Ausgangspunkt der Krise eine Kreditblase, die sich seit den neunziger Jahren nicht nur in den Vereinigten Staaten aufgebaut habe.

          Flut des Sparkapitals aus schnell wachsenden Schwellenländern wie China

          Die globale Natur der Krise werde von der Kommissionsmehrheit übersehen. Ein wichtiger Grund für die Kreditblase sei die Flut des Sparkapitals aus schnell wachsenden Schwellenländern wie China, das in die westlichen Industriestaaten strömte und dort die Zinsen drückte. Die lockere Geldpolitik der Zentralbank Federal Reserve habe möglicherweise zu der Kreditblase beigetragen, sie aber nicht verursacht. Auch in europäischen Ländern hätten sich Hauspreisblasen entwickelt. Das untergrabe die These, dass allein die Förderpolitik amerikanischer Regierungen die Blase hervorgerufen habe.

          Die Kritiker bezweifeln, dass ein zu kuscheliges Verhältnis zwischen der Wall Street und der Politik oder eine generell zu geringe Regulierung von Investmentbanken für die Krise verantwortlich seien. Diese Argumente könnten nicht erklären, warum etwa Pensionsfonds und Universitäten oder auch deutsche Banken amerikanische Hausrisiken in ihre Bücher nahmen. In einem zweiten Minderheitenvotum wird die Krise allein auf die politischen Versuche der Regierungen von Bill Clinton und George W. Bush zurückgeführt, den Besitz von Eigenheimen zu fördern.

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