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Kommentar : Unternehmer, bezahlt unsere Kitas!

Segen oder Teufelszeug: Beim Thema Kinderbetreuung scheiden sich die Geister. Bild: dpa

Von einer 24-Stunden-Kita profitieren weder die Kinder noch die Eltern, sondern nur die Unternehmer. Deshalb sollten sie das Geld dafür bereitstellen.

          Kinder sind uns lieb und teuer. Aber wer soll für sie, genauer: für ihre Betreuung bezahlen? Die Frage führt auf vermintes Gelände, weil sie mit einer anderen eng verknüpft ist: Gehören Kinder in den ersten Lebensjahren nach Hause, in die Obhut von Eltern, Großeltern und anderer Verwandter – oder in eine institutionalisierte Betreuungseinrichtung?

          Die öffentliche Diskussion darüber ist unersprießlich, es gibt darin oft genug nur Schwarz und Weiß. Wer sein Kleinkind in der Kita anmeldet und tagsüber arbeiten geht, wie der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab 14 Monaten nahelegt, muss sich als Rabenmutter oder Karrierevater beschimpfen lassen. Wer länger zuhause bleibt und sich selbst um den Nachwuchs kümmert, wie es der Rechtsanspruch auf drei Jahre Elternzeit je Kind nahelegt, wird als Heimchen oder Arbeitsverweigerer abgewatscht.

          Zerrissenheit ist auch demoskopisch nachweisbar

          Unparteiisch lässt sich über das Thema kaum reden. Wer keine Kinder hat, dem wird die Kompetenz abgesprochen. Wer Kinder hat, steht im Verdacht, vor allem die eigenen Entscheidungen rechtfertigen zu wollen. Auch die Wissenschaft hilft nicht aus der Patsche. Für jede Studie, in der die Vorteile institutioneller Kinderbetreuung für frühkindliche Bildung und Sozialverhalten hervorgehoben werden, findet sich ein alarmierender Bericht über das Bindungsbedürfnis, das in der Gruppe zu kurz kommt.

          Die Zerrissenheit spiegelt sich in den demoskopisch ermittelbaren Wünschen der Eltern selbst. Genau die Hälfte von ihnen ist einer in dieser Woche veröffentlichten Allensbach-Umfrage zufolge dafür, die Kinderbetreuung auszubauen. Die andere Hälfte findet, es gibt schon genug Kitas, Krippen und Ganztagsschulen im Land.

          So ist es eben, wenn unterschiedliche Interessen zusammengebracht werden müssen: Diesen Schluss könnte nun die Familienpolitik ziehen und sich zufrieden geben. Liegt in der gefühlten Orientierungslosigkeit nicht auch ein Maß an Wahlfreiheit, von dem frühere Generationen nur träumen konnten? Gleichzeitig für viel Geld die Kindertagesstätten auszubauen und denen, die sie nicht nutzen, zum Ausgleich das Betreuungsgeld zu zahlen – das war zwar faktisch nur das Ergebnis koalitionsinternen Pokerns, passte symbolisch aber ganz gut in die Zeit.

          Wünsche der Wirtschaft werden subventioniert

          Nun wird das Betreuungsgeld aber nur zwei Jahre nach seiner Einführung voraussichtlich schon wieder vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Und Manuela Schwesig, die Familienministerin von der SPD, hat sich im Gegenüber von Heim- und Fremdbetreuung so klar und ohne Zaudern auf eine Seite geschlagen, wie es nur wenigen Eltern gelingt. Sie findet sogar 24-Stunden-Krippen gut, in denen Kinder nachts beaufsichtigt werden, zum Beispiel wenn ihre Eltern Schichtdienst leisten. 100 Millionen Euro soll der Bund dafür in den kommenden Jahren ausgeben.

          Das hat aber offensichtlich nicht mehr viel mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Vater und Mutter zu tun, mit frühkindlicher Bildung oder den Herzenswünschen der Eltern. Sondern mit denen der Wirtschaft. Denn von der 24-Stunden-Kita profitieren nicht die Kinder, die lieber zuhause schlafen würden. Auch nicht die Eltern, die sich zwischen Beruf und Familie aufreiben. Sondern ihre Arbeitgeber, die bei der Personalpolitik und Schichtplaneinteilung keine Rücksicht auf die familiäre Situation ihrer Beschäftigten nehmen müssen.

          Deshalb sollten diese Unternehmen für das rund um die Uhr vorgehaltene Betreuungsangebot auch bezahlen. Und wo wir schon dabei sind: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so wenige Betriebskitas? Sie machen nicht viel mehr als 1 Prozent aller Kindertagesstätten aus. Dabei haben Wirtschaftsvertreter den Ausbau der Kinderbetreuung in der Vergangenheit stets lauthals gefordert, weil ihnen die volle Arbeitskraft der Väter und Mütter nutzt. Höchste Zeit, dass sie dafür auch mehr Geld in die Hand nehmen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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