https://www.faz.net/-gqe-84txl

Einkommen : Europa wächst auseinander

Die Gehaltsunterschiede in Europa werden größer Bild: dpa

Die Einkommen in Europa haben sich während der Krise weiter auseinander entwickelt. Welche Rolle spielt die lockere Geldpolitik dabei?

          Das Vorhaben, dass sich die Lebensbedingungen in der Europäischen Union nach und nach annähern, hat im Laufe der Finanzkrise einen Dämpfer erhalten. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Freien Universität Berlin veröffentlichte Studie. Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen zwischen zehn untersuchten mittel- und südeuropäischen Ländern sei vor allem etwas gewachsen, weil die Einkommen in Griechenland, Spanien und Portugal im Schnitt geschrumpft seien.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Während die meisten Studien die Ungleichheit innerhalb eines Landes untersuchen, blickten die Berliner Forscher über Landesgrenzen hinweg. Dafür werteten sie Daten zu den Lebensbedingungen in Europa (EU-SILC) aus und verglichen, wie sich die verfügbaren Einkommen (inklusive Sozialleistungen) in den Jahren 2004 bis 2011 entwickelt haben. In einer Gruppe von zehn Ländern, die alle bis zum Jahr 2001 der Währungsunion beigetreten waren, „hat die Ungleichheit leicht zugenommen, wobei der Anstieg unmittelbar nach dem Höhepunkt der Krise besonders stark ausfiel“, schreiben die Forscher. Der Gini-Koeffizient – ein gängiges Maß zur Bestimmung von Ungleichheit, das zwischen 0 und 1 liegen kann – sei über die zehn Länder hinweg von 0,297 im Jahr 2004 auf 0,317 im Jahr 2011 gestiegen, was einem Zuwachs um etwa 7 Prozent entspreche. Zu etwas anderen Ergebnissen kamen die Forscher, als sie nicht nur die Euroländer der ersten Stunde untersuchten, sondern 22 EU-Ländern, darunter mehrere osteuropäische Staaten. In dieser größeren Gruppe sei die Ungleichheit von 2004 bis zum Ausbruch der Finanzkrise leicht zurückgegangen. Der Trend habe sich nach Ausbruch der Finanzkrise aber nicht fortgesetzt. Das Einkommensniveau in den Krisenländern habe sich an das niedrigere Niveau der osteuropäischen Länder angenähert.

          Einkommensverteilung innerhalb der Landesgrenzen stabil

          Die Studie zeigt jedoch, dass – im Gegensatz zur gängigen Meinung – die Einkommen innerhalb der Ländergrenzen nicht auseinandergedriftet sind. Die Ungleichheitsindikatoren hätten sich in den Nationalstaaten kaum und wenig systematisch verändert, schreiben die Autoren. Diese Beobachtung stimmt mit einer weiteren DIW-Studie überein, laut der die Ungleichheit in Deutschland von 2006 an nicht gewachsen ist.

          Für die Frage, wie sich die Ungleichheit künftig entwickeln wird, spielen die Auswirkungen der ultralockeren Geldpolitik eine wichtige Rolle. Driften die Einkommen auseinander, weil vor allem die in der Tendenz wohlhabenderen Besitzer von Aktien und Immobilien gewinnen, während Kleinsparer unter dem Niedrigzins leiden? Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ist gegenteiliger Ansicht: „Die These der EZB-Kritiker, dass die Ungleichheit durch ein  Auseinanderklaffen von Zinsen auf Spareinlagen und Renditen auf Vermögenswerte steigt, kann empirisch nicht bestätigt werden“, sagte IW-Präsident Michael Hüther am Montag mit Blick auf eine neue IW-Studie. Vielmehr begünstige die Niedrigzinsphase eher einen Rückgang der Vermögensungleichheit in Deutschland.

          Bringt lockere Geldpolitik Ungleichheit?

          Die IW-Forscher, die sich auf Umfragedaten der Europäischen Zentralbank zu Einkommen und Vermögen berufen, vertreten die Ansicht, dass vor allem junge Deutsche, die zum Beispiel einen Immobilienkredit abbezahlen müssen und keine nennenswerten Ersparnisse haben, profitierten, während Ältere unter dem Minizins litten. Steigende Aktienkurse und teurer werdende Immobilien hätten dagegen nur geringen Einfluss auf die Verteilung: „Dafür sind die Aktienanteile der privaten Haushalte – auch bei den Vermögenden – viel zu gering“, sagt Hüther.

          Welche Folgen die lockere Geldpolitik auf die Ungleichheit hat, ist in der Forschung umstritten. Mehrere Studien sehen anders als das IW einen Zusammenhang von lockerer Geldpolitik und wachsender Ungleichheit. Im Mai hatte auch EZB-Präsident Mario Draghi anerkannt, dass die Geldpolitik über steigende Preise für Wertpapiere die Besitzer solcher Kapitalanlagen gegenüber Sparern bevorzuge, die auf den Niedrigzins angewiesen seien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Über der getroffenen Ölanlage in Abkaik steht eine immense Rauchsäule (Fernsehbild).

          Angriff auf Saudi-Arabien : Der Ölpreis dürfte am Montag kräftig steigen

          Die Houthi-Rebellen haben das Herz der saudi-arabischen Ölindustrie getroffen. Der Drohnenangriff könnte an den Märkten zu einem Schock führen. An der Tankstelle mussten Autofahrer schon etwas mehr zahlen.

          Proteste vor IAA : Blockade mit drei farbigen Fingern

          Hunderte Demonstranten der Aktion „Sand im Getriebe“ haben zwei der fünf Eingänge der Messe blockiert. Ihr Protest richte sich nur gegen die Konzerne, sagen sie. Das empfinden viele Besucher anders.
          Zu häufiges Nutzen des Smartphones kann krank machen. Aber ganz darauf verzichten geht heutzutage auch nicht.

          Data Detox : Wie man mit wenigen Schritten seine Datenflut eindämmt

          Unsere Datenflut kommt Konzernen wie Facebook und Google zugute, wobei alles andere als klar ist, was genau mit den Informationen geschieht. Mit einigen Tipps kann man sein Handy vor Zugriffen schützen.

          Bayerns zwei Gesichter : „Keine Feuer legen, bitte“

          War es ein Taktik-Sieg von Julian Nagelsmann gegen Niko Kovac? Die Bayern haben offenbar nicht schnell genug auf Veränderungen des Gegners reagiert – und rutschten in der Tabelle ab. In München will man aber Ruhe bewahren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.