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Unabhängigkeits-Referendum : Was passiert, wenn die Schotten „Yes“ sagen?

Endet nun die „Herrschaft der Tories“ über die Schotten? Bild: Reuters

Am Freitagmorgen wird feststehen, ob Schottland es ernst meint mit der Unabhängigkeit. Und wie geht es dann morgen weiter? Ein Szenario für den Fall, dass die Schotten austreten.

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          Die entscheidenden Stunden sind am frühen Morgen: Weil die Wahllokale in Schottland heute bis um 22 Uhr (23 Uhr in Deutschland) geöffnet sind, werden die ersten Ergebnisse des schottischen Unabhängigkeitsreferendums erst gegen zwei Uhr nachts erwartet. Zwischen fünf und sechs Uhr morgens dürfte in allen 32 Wahlkreisen die Auszählung abgeschlossen sein. Gut möglich, dass es bis zuletzt spannend bleibt, denn die Ergebnisse in den drei größten Städten Glasgow, Edinburgh und Aberdeen, auf die rund ein Viertel aller Wahlberechtigten entfällt, werden wohl am längsten auf sich warten lassen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn die Schotten wirklich „Ja“ zur Unabhängigkeit sagen, schießt im Londoner Bankenviertel sofort der Adrenalin-Spiegel nach oben: Bisher wollten die Investoren nicht wirklich daran glauben, dass es Großbritanniens Norden ernst ist mit der Abspaltung. Dieses Wahlergebnis ist bisher nicht „eingepreist“, wie es im Finanzjargon heißt – da sind sich viele Analysten einig. Jede Menge offene Fragen, die bisher hypothetisch erschienen, stellen sich plötzlich sehr konkret und Antworten gibt es so schnell nicht. Bis zum tatsächlichen Vollzug der Unabhängigkeit werden wohl mindestens anderthalb Jahre vergehen.

          Wenn Europas drittgrößte Volkswirtschaft in zwei Teile zerlegt wird, ist das eine Rechnung mit vielen Unbekannten – und das macht den Anlegern Angst. Am schnellsten reagiert der Devisenmarkt und schickt das Pfund auf Talfahrt. Auch am Aktienmarkt fallen die Notierungen. Die Bank of England, die bereits Notfallpläne vorbereitet hat, lässt an diesem Morgen nichts anbrennen. Notenbankgouverneur Mark Carney gibt eine Erklärung ab, um die Märkte zu beruhigen: Ja, die Schotten haben für die Unabhängigkeit gestimmt, aber noch ist es nicht soweit.

          Bis auf weiteres bleibt die Zentralbank die Hüterin des gesamten britischen Finanzsystems, einschließlich der beiden wichtigen schottischen Großbanken Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds. Carney stellt klar, dass die Bank of England die beide Institute als „lender of last ressort“ auch weiterhin mit unbegrenzten Liquiditätshilfen unterstützen wird, wenn diesen das Geld ausgehen sollte. Im Idealfall gelingt es den Notenbankern damit, eine drohende Kapitalflucht der schottischen Bankkunden ausreichend einzudämmen.  Analysten halten auch für denkbar, dass die Banken am Freitag geschlossen bleiben, um ein Panik zu verhindern. Sind Filialen und Geldautomaten geöffnet, wird in Schottland wohl deutlich mehr Geld abgehoben als sonst.

          In der Londoner Downing Street greift Premierminister David Cameron am Morgen zum Telefonhörer, um dem schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond zum Wahlsieg zu gratulieren. Beide gehen mit Erklärungen an die Öffentlichkeit. Mit einer überzeugenden Antwort auf die brisanteste ökonomische Frage der schottischen Unabhängigkeit ist am Freitag allerdings nicht zu rechnen: Es bleibt sehr wahrscheinlich unklar, mit welcher Währung in Schottland in Zukunft bezahlt wird. Zu weit liegen die Positionen auseinander. Salmond will das Pfund behalten, alle großen Parteien in London lehnen das strikt ab.

          Andererseits hängt viel von der Tonlage ab. Auch Analysten und Investoren werden sehr genau hinhören: Klingen Cameron und Salmond nach dem langen und erbittert geführten Wahlkampf hart oder eher versöhnlich? Es wird eine politische  Herkulesaufgabe, sich darauf zu einigen, wie das Vereinigte Königreich aufgeteilt wird – und gehen beide Seiten auf Konfrontationskurs, wird sie noch viel schwerer. Die Liste der Verhandlungspunkte ist sehr lang: Was wird aus der Währung, Banken und Nordseeöl? Wie wird mit den in Schottland stationierten britischen Atomwaffen verfahren und wie werden das Gesundheitssystem und die staatliche IT-Infrastruktur getrennt?

          Trotz der vielen Fragezeichen, gibt es am Londoner Aktienmarkt an diesem Morgen wahrscheinlich nicht nur Verlierer: Exportstarke britische Unternehmen könnten vom zu erwartenden Schwächeanfall des Pfunds durchaus profitieren. Die beiden schottischen Bankriesen RBS und Lloyds zählen allerdings zu den großen Verlierern der Unabhängigkeit: Die Institute werden voraussichtlich bekräftigen, dass sie ihren Hauptsitz von Schottland nach England verlagern, um dauerhaft den Schutz der britischen Notenbank zu genießen und ihre Währungsrisiken zu begrenzen. Beide haben ebenso wie andere schottische Finanzdienstleister den Umzug bereits angekündigt. Die Aktionäre werden gespannt darauf warten, ob die Unternehmern nun bereits mehr zu sagen haben: Wie lange wird die juristisch komplexe Umsiedlung dauern? Wie teuer wird sie werden? Wie stark wird das Geschäft leiden?

          Gebannt verfolgen die Anleger in der City am Freitag auch die Entwicklung im Regierungsviertel Westminster: Ist die politische Karriere von David Cameron nach der historischen Wahlschlappe beendet? Zeichnet sich in der Konservativen Fraktion im Unterhaus ein Putsch gegen den Premierminister ab oder scharen sich genügend Abgeordnete um den angeschlagenen Regierungschef? Für Großbritannien, aber auch für den Finanzmarkt ist das sehr wichtig: Das Land braucht eine stabile und handlungsfähige Führung, die sofort das Krisenmanagement anpackt. Manche Beobachter halten es deshalb für denkbar, dass in London im nationalen Interesse vorübergehend eine große Koalition gebildet wird, der auch die Labour Party als größte Oppositionspartei angehört.

          Aber die Auswirkungen des Referendums reichen weit über Großbritannien hinaus. Aus politischer und ökonomischer Sicht wird am Freitag eine der wichtigsten Reaktionen die aus Brüssel sein: Ein unabhängiges Schottland scheidet automatisch aus der Europäischen Union aus und verliert damit auch den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt – ein Albtraum für viele schottische Exportunternehmen. Natürlich will die schottische Regierung zurück in die EU, aber dem Aufnahmeantrag müssten alle bisherigen Mitglieder zustimmen. Die Spanier, die selbst mit einer Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien zu tun haben, aber möglicherweise auch andere, könnten sich querstellen. Wie also klingt die Erklärung der EU zur schottischen Unabhängigkeit: Frostig, wohlwollend oder nichtssagend? Das Ende des Vereinigten Königreichs in seiner bisherigen Form ist nicht nur für die Briten, sondern auch für Europa Neuland.

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