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Umverteilungsdebatte : Wer wird Millionär?

Der Starnberger See zählt zu den Regionen mit der höchsten Konzentration an Reichen in Deutschland Bild: Andreas Müller

Der Armuts- und Reichtumsbericht hat eine neue Umverteilungsdebatte angefacht. Sozialer Aufstieg ist schwieriger geworden. Richtig reich werden vor allem Unternehmer.

          Vom Tellerwäscher zum Millionär - dies klischeehafte Bild vom sozialen Aufstieg stand Generationen von Amerikanern vor Augen, auch wenn der Traum für viele mittlerweile verblasst. In Deutschland waren die Aufbaujahre nach dem Krieg eine goldene Zeit. Tatkräftige Unternehmer legten im „Wirtschaftswunder“ den Grundstein für große Vermögen. In den sechziger und siebziger Jahren gab die Bildungsexpansion, der erleichterte Zugang zum Studium, nochmals einen Schub zu mehr sozialer Mobilität. Doch seit einigen Jahren schwindet der Optimismus. Mehr und mehr wird eine wachsende, unüberwindliche Kluft zwischen Arm und Reich beklagt. Parteien und Organisationen von links fordern mehr Umverteilung, Vermögenssteuern und -abgaben, um Geld der Reichen abzuschöpfen. Doch wer sind eigentlich die Millionäre, wie sind sie zu ihren Vermögen gekommen?

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Rund 920.000 Deutsche besitzen derzeit mehr als eine Million Euro Vermögen. Wolfgang Lauterbach, Soziologieprofessor an der Universität Potsdam, hat eine repräsentative Umfrage unter Wohlhabenden mit Kapitalvermögen von mehr als 200.000 Euro gemacht - die obersten 3 Prozent der Vermögenspyramide. Es sind nicht die Superreichen, eher „millionaires next door“, wie Lauterbach sagt. Das Ergebnis der Umfrage: Rund zwei Drittel sind als Unternehmer tätig. 30 Prozent hatten eine Erbschaft gemacht, 7 Prozent hatten einen reichen Mann oder eine reiche Frau geheiratet. Aber das war selten der einzige Grund für ihr Vermögen. Mehr als 55 Prozent der Befragten gab an, „in erster Linie durch Arbeit reich geworden“ zu sein. Wichtig ist vor allem der unternehmerische Wagemut, sagt Lauterbach. „Die das Risiko eingehen, ein Unternehmen aufzubauen, das sind diejenigen, die wirklich zu den ganz Reichen aufsteigen können.“

          Wasser auf die Mühlen von SPD, Grünen und Linkspartei

          Auf rund 12 Billionen Euro schätzt die Bundesbank das Gesamtvermögen der Deutschen. Trotz der Krise ist es von 2007 bis 2010 um 1,4 Billionen Euro gestiegen. Das Vermögen setzt sich aus Immobilien und Grundstücken sowie Sachkapital in Unternehmen und zu kleineren Teilen aus Finanzvermögen sowie Lebensversicherungen und anderem zusammen (siehe Grafik). Die Verteilung ist ungleich: Wenigen Haushalten gehört sehr viel; vielen gehört wenig. Westdeutsche Haushalte haben mehr Vermögen als die im Osten, Männer mehr als Frauen, die Älteren mehr als die Jüngeren. Der Anteil des Gesamtvermögens, den das oberste Zehntel besitzt, stieg innerhalb eines Jahrzehnts von 45 auf 53 Prozent. Die reichere Hälfte der Bevölkerung hat sogar 99 Prozent des Gesamtvermögens, die andere Hälfte besitzt dagegen kein nennenswertes Vermögen.

          Das Vermögen der Deutschen hat sich in zwanzig Jahren mehr als verdoppelt Bilderstrecke

          Die Zahlen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus der Haushaltsbefragung des Sozioökonomischen Panels (Soep) errechnet hat, finden sich im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Schon der Entwurf, der bekannt wurde, hat eine heftige Verteilungsdebatte ausgelöst. Die gespreizte Einkommensentwicklung „verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“, heißt es im Vorwort des Berichts. Weiter hinten fügten die Beamten des Sozialministeriums den brisanten Satz ein: Die Bundesregierung prüfe „ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann“.

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