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Bruttoinlandsprodukt : Inklusives Wachstum

Gute Aussichten: Das Bruttoinlandsprodukt steigt. Doch die Zahlen geben kaum Aufschluss über die Gesamtsituation einer Volkswirtschaft. Bild: dpa

Das Bruttoinlandsprodukt zeigt nicht, wie es wirklich um eine Volkswirtschaft bestellt ist. Doch wie sollte mit der Kritik am Wohlstandsbegriff umgegangen werden?

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          Der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung ist 108 Seiten lang. Zur Kenntnis genommen haben die meisten Deutschen aber nur den ersten Absatz: Das Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent gewachsen, ist da zu lesen. Was auf den vielen folgenden Seiten über Ungleichheit, Start-Up-Kultur und digitalen Wandel geschrieben steht? Das verkam in der öffentlichen Wahrnehmung zur Fußnote.

          So geht das jedes Jahr. Ganz egal, in welch rasantem Tempo sich die Welt verändert, unseren Wohlstand messen wir immer gleich – mit dem „BIP“, der statistisch erfassten Wirtschaftsleistung. Mehr Wachstum ist stets ein Grund zum Jubeln, weniger Wachstum eine Katastrophe. Kleine Ausschläge können Erdbeben an den Börsen auszulösen und Politiker zum Handeln bewegen.

          Selten war das so falsch und kurzsichtig wie heute. Denn würde die nackte Ziffer tatsächlich umfassend beschreiben, wie es um eine Volkswirtschaft bestellt ist, dann müsste man sich um die Welt keine Sorgen machen. Die Wirtschaftsleistung wächst ja: in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr voraussichtlich wieder um mehr als 2 Prozent, in Großbritannien und im Euroraum nur geringfügig weniger. Warum aber haben in Amerika und Großbritannien die Globalisierungsverlierer und Menschen, die sich vom sozialen Abstieg und der Konkurrenz ausländischer Arbeitskräfte bedroht fühlen, für den Brexit und den Populisten Donald Trump gestimmt?

          Im Euroraum sind fundamentale wirtschaftliche Probleme ungelöst. All diese Spannungen und Missstände spiegelt das BIP-Wachstum nicht wieder. Das Bruttoinlandsprodukt ist zudem blind für die Internet-Errungenschaften wie Online-Lexika und Musik-Streamingdienste. Diese Innovationen machen das Leben von Millionen Menschen auf der Welt angenehmer, den Wohlstand auf dem Papier aber lassen sie kleiner erscheinen, weil weniger CDs und Bücher verkauft werden. Die Mängelliste ist lang: Gesellschaftliche und technische Gründe sprechen dafür, das BIP mit Vorsicht zu genießen.

          Immer mehr Organisationen distanzieren sich von BIP-Fixierung

          Überall auf der Welt tüfteln deshalb seit langem Fachleute an alternativen Möglichkeiten, den wahren Wohlstand zu erfassen. Lange sah es danach aus, als sei das lediglich eine Spielerei für eine Handvoll Wissenschaftler und „Degrowth“-Bewegte, die nicht nur die ungeliebte BIP-Messzahl, sondern gleich das gesamte Wirtschaftswachstum abschaffen wollen. Das hat sich grundlegend geändert. Immer mehr große Organisationen distanzieren sich von ihrer über Jahrzehnte gepflegten BIP-Fixierung.

          Man muss Wachstum und Wohlstand neu vermessen, sagen der Internationale Währungsfonds, die OECD, die Bertelsmann-Stiftung, die EU-Kommission und die Bundesregierung. Sie sprechen jetzt von „inklusivem Wachstum“. Einem Wachstum, von dem alle etwas haben sollen – der Arbeitslose in Pirmasens wie der Banker in Frankfurt. „Wohlstand für alle“, hätten die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft das Konzept überschrieben.

          Um die Details wird gerungen. Die einen wollen, dass ein schonender Ressourcenverbrauch besonders starke Beachtung findet, anderen sind geringe Staatsschulden, ein gutes Bildungssystem oder der Respekt vor den demokratischen Institutionen wichtiger. Es kursieren etliche alternative Indikatoren, durchgesetzt hat sich noch keiner. Auch das Konzept, das aus jahrelanger Arbeit einer Bundestagskommission entsprungen ist, findet wenig Beachtung. Wohl auch, weil es keine einfache Glücksformel für unseren Wohlstand gibt – wie das BIP suggerierte.

          Entsteht ein neues Leitbild?

          Entscheidend sind aber ohnehin nicht die Details neuer Indikatoren. Es geht darum, ob sich ein neues Verständnis von Wachstum und Wohlstand in den Köpfen durchsetzt. Wird auch künftig versucht, das letzte Zehntel Wachstum herauszuquetschen – gleichgültig, welche Nebenwirkungen das hat? Oder entsteht ein neues Leitbild, an dem sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft orientieren?

          Ein solcher Wandel wäre keine Kleinigkeit, sondern ein Paradigmenwechsel. Die Tragweite würde spätestens dann sichtbar, wenn materielles Wachstum und andere, dann gleichberechtigte Ziele in Konkurrenz treten: Müssen Regionen, die unter der Globalisierung leiden, ganz anders unterstützt werden – auch wenn das teuer ist? Ist Migration alleine deshalb richtig, weil sie mehr Wachstum verspricht? Müssen Erfindergeist und Forschung ganz anders gefördert werden, auch wenn die Erträge nicht unmittelbar messbar sind?

          So zeitgemäß ein erweiterter Wachstumsbegriff ist, so falsch wäre es, das Bruttoinlandsprodukt in der Mottenkiste verschwinden zu lassen. Denn wenn mehr Menschen ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen wollen, braucht man einen größeren Kuchen. Und es stimmt ja, dass das Bruttoinlandsprodukt (pro Kopf) mit der Lebenserwartung der Menschen und vielen weiteren Dingen, die wichtig sind, verknüpft ist: Der Staat hat nur dann genügend Geld für Schulen und Krankenhäuser, wenn die Wirtschaft läuft. Inklusives Wachstum kommt nicht ohne materielles Wachstum aus. Daher darf die Kritik am Wohlstandsbegriff nicht den Feinden des Fortschritts überlassen werden oder zum Vorwand für immer mehr Umverteilung umgedeutet werden.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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