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Arbeitszeiten : Mehrheit der Franzosen gegen 35-Stunden-Woche

Arbeiter in einem französischen Renault-Werk Bild: Reuters

Eine Umfrage deutet auf erstaunliche Reformbereitschaft in Frankreich. Doch hat die Regierung den Mut, diese heilige Kuh zu schlachten?

          Die Franzosen gehören nicht zu den arbeitswütigsten Bürgern Europas. Das zumindest kann man sagen über ein Land, das seit 15 Jahren mit der 35-Stunden-Woche lebt. Man müsse den „Wert der Arbeit in Frankreich rehabilitieren“, forderte Nicolas Sarkozy schon 2007, als er in den Präsidentschaftswahlkampf zog und diesen gewann. Die 35-Stunden-Woche schaffte er dann aber nicht ab, sondern er befreite nur die Überstundenzuschläge von der Steuer.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bis heute gilt daher überall in Frankreich ein einheitlicher Arbeitszeitdeckel. Wer mehr als 35 Stunden pro Woche arbeitet, was innerhalb von Grenzen möglich ist, erhält Zuschläge oder Freitage. Doch leben die Franzosen wirklich gut mit der 35-Stunden-Woche? Eine Umfrage des französischen Instituts CSA im Auftrag der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ hat ergeben: Sieben von zehn Franzosen wären zu einer Reform der 35-Stunden-Woche bereit. Künftig sollte die Arbeitszeit auf der Ebene der Unternehmen festgelegt und damit nicht mehr landesweit durch ein Gesetz bestimmt werden, finden sie. Erstaunlich ist dabei, dass unter den Sympathisanten der Sozialistischen Partei sogar 69 Prozent für einen solchen Wandel wären.

          Vor wenigen Tagen hatte der Wirtschaftsminister Emmanuel Macron die 35-Stunden-Woche öffentlich kritisiert. In Zeiten des internationalen Wettbewerbs sei der Glaube an den Segen von Arbeitszeitverminderung eine „falsche Idee“, sagte er auf einer Arbeitgeberkonferenz und wurde darauf prompt von Premierminister Manuel Valls zurückgepfiffen. Die Franzosen könnten sich auf den Erhalt der gesetzlichen Arbeitszeitgrenze verlassen, versprach Valls im Auftrag von Präsident François Hollande.

          Wirtschaftsminister Emmanuel Macron

          Allerdings will die Regierung angesichts der Arbeitslosigkeit nahe den Rekordhöhen nicht völlig inflexibel sein und hat eine Reform des Arbeitsrechts angekündigt. Dieses ist mit mehr als 10.000 Paragraphen auf über 3600 Seiten derart kompliziert, dass es nach Ansicht von vielen Arbeitsmarktexperten die Unternehmen vor Einstellungen zurückschrecken lässt.

          In dieser Woche hat sich ein Beratungsinstitut, das der Sozialistischen Partei nahesteht,  dafür ausgesprochen, arbeitsrechtliche Vereinbarungen auf die Ebene der Unternehmen zu verlagern. Dort sollen Gewerkschaften und Arbeitgeber wichtige Details festlegen, heißt es in der Studie – eine bisher nie gehörte Forderung aus dem linken Lager. In der kommenden Woche soll auch ein Expertenbericht im Auftrag der Regierung erscheinen, der eine Lockerung des Arbeitsrechtes vorsieht.

          Doch bringt die Regierung den Mut auf, auch die 35-Stunden-Woche abzuschaffen? Daran sind erhebliche Zweifel erlaubt, denn Präsident Hollande bereitet sich schon auf den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl im Mai 2017 vor und will nach Ansicht politischer Beobachter keine großen Risiken mehr eingehen. Die sozialistische Regierung von Premierminister Lionel Jospin hatte die Arbeitszeitgrenze zwischen 1998 und 2000 eingeführt. Die Sozialisten glaubten, dass durch Arbeitsteilung mehr Arbeitsplätze entstehen. Doch die meisten Ökonomen bestreiten diesen Zusammenhang. Mehr als 3,5 Millionen Arbeitslose – 10,3 Prozent der aktiven Bevölkerung – sprechen auf jeden Fall gegen diese These.

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