https://www.faz.net/-gqe-7mxjg

Ukraines Wirtschaftsmisere : Erst Staatspleite, dann Revolution

Der Aufstand von Kiew wirft die Frage von 1789 wieder auf: Wie hängen wirtschaftliche Misere und politische Revolution zusammen? Bild: REUTERS

Mit Blick auf die Ukraine stellt sich wieder eine der großen historischen Fragen. Haben wirtschaftliche Misere und politische Revolution miteinander zu tun? Führt also Armut zum Aufstand, und wird es hinterher besser?

          3 Min.

          Die zurückliegende Woche brachte die Wende, was den westlichen Blick auf die Ukraine betrifft. Nicht nur, weil der Präsident aus Kiew floh und russische Soldaten an diesem Wochenende auf der Krim landeten. Sondern auch, weil sich der Blick nach der politischen Explosion plötzlich auf die desolate Wirtschaftslage des Landes richtete.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach den Wochen des Bangens und Hoffens mit den Demonstranten auf dem Majdan ist die Debatte wieder an dem Punkt angelangt, der am Beginn der revolutionären Bewegung stand: Der Staat ist pleite, er braucht Geld – sei es von Russland oder von der Europäischen Union, zwei Handelspartnern, von denen die Ukraine gleichermaßen abhängig ist.

          Damit stellt sich in Kiew jetzt wieder eine der großen historischen Fragen, die zuletzt ein wenig in Vergessenheit geraten war – die Frage nach dem Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Misere und politischer Revolution. Kurz gesagt: Führt Armut zum Aufstand, und wird es hinterher besser?

          Die beiden berühmtesten Revolutionen der Geschichte begannen in der Tat mit der Geldnot des Staates. Die amerikanischen Kolonien erklärten sich 1776 für unabhängig, weil die Regierung in London Steuern verlangte, dafür aber keine politische Mitsprache gewähren wollte. Der französische König berief 1789 nach fast zwei Jahrhunderten die Generalstände wieder ein, weil er pleite war und dringend neue Abgaben brauchte. Damit bahnte er seiner eigenen Absetzung den Weg.

          Die Erwartungshaltung erfüllte sich nicht

          Schon das selbstbewusste Auftreten der Bürger von Boston oder des „dritten Standes“ in Paris zeigt aber: Es war keineswegs das blanke Elend, das die Aufständischen antrieb. Armut allein hat noch nie zu einer wirklichen Revolution geführt. In den ärmsten Ländern der Erde herrscht in der Bevölkerung eher Lethargie, allenfalls setzt sich ein Teil der Elite durch Putsch an die Stelle der anderen. Und verzweifelte Modernisierungsverlierer wie die schlesischen Weber des Jahres 1844 können zwar den besitzenden Schichten einen gehörigen Schrecken einjagen, aber kein neues politisches System etablieren.

          Ukraines Wirtschaft in Not
          Ukraines Wirtschaft in Not : Bild: F.A.Z.

          Längst sind sich die meisten Historiker einig: Es sind eher die unerfüllten Hoffnungen aufstrebender Bevölkerungsschichten, die den Umsturz herbeiführen. Von einer „Haltung steigender Erwartungen“ spricht der Historiker Hans-Ulrich Wehler im Zusammenhang mit der Revolution von 1848, der zwar auch eine Hungersnot vorausging, aber vor allem eine Phase langen Friedens und behäbigen Wohlstands.

          So ist die Ursache für den Unmut in der Ukraine weniger in der aktuellen Wirtschaftsflaute zu suchen als vielmehr in den hohen Wachstumsraten zuvor. Sie haben eine Erwartungshaltung geweckt, die sich nach dem Einbruch durch die Finanzkrise nicht mehr erfüllte – auch weil sich das Land mit seinen korrupten und ineffizienten Strukturen seither nicht erholte.

          Ein Übriges tat der Blick auf die westlichen Nachbarn, vor allem auf das so viel erfolgreichere EU-Mitglied Polen, das der Ukraine eng verbunden ist. Zwar hat sich der Optimismus auch in Warschau zuletzt etwas eingetrübt, gleichwohl ist die Lage unvergleichlich viel besser – in Bezug auf das Wohlstandsniveau, aber auch auf politische Freiheiten, die Stabilität der Institutionen, nicht zuletzt die Reise- und Arbeitsmöglichkeiten in ganz Europa. Die Absage des Präsidenten Viktor Janukowitsch an das Abkommen mit Brüssel war der Schritt, der die Aussicht auf ein solches Leben für die Bürger der Ukraine zunichtemachte. Wir kennen das aus dem eigenen Land: Die energische Absage Erich Honeckers an die sowjetische „Perestrojka“ hatte in der DDR des Jahres 1989 einen ähnlichen Effekt.

          Erst einmal folgt ein Jammertag

          Bleibt die Frage, ob das Leben in der Ukraine nun besser wird. Um ehrlich zu sein: Das wird dauern – selbst wenn politisch alles glattgeht, was ja alles andere als sicher ist, und selbst wenn die Europäer großzügig helfen. Schon die beiden klassischen Revolutionen lösten die Finanznot des Staates nicht. Das Papiergeld, das die französischen Revolutionäre ausgaben, war bald wertlos, und von den amerikanischen Kolonien waren einige rasch pleite. Das hatte allerdings auch mit den Kriegen zu tun, die beide Länder erst einmal führten.

          Aber selbst die friedlichen Umstürze der jüngeren Zeit führten nach der ersten Euphorie zunächst einmal in ein Jammertal. In Ostdeutschland brach durch die Währungsunion fast die gesamte Industrie zusammen. Die Arbeitslosigkeit erreichte ungeahnte Höhen, auch wenn das durch den westdeutschen Sozialstaat aufgefangen wurde. Auch andere Länder des früheren Ostblocks gingen zunächst durch eine Phase der Instabilität, in Bulgarien gab es sogar 1997 noch eine veritable Hungersnot.

          So ineffizient das alte System auch gewesen sein mag: Eine Wirtschaftsreform bringt zunächst einmal eingefahrene Routinen durcheinander, mögliche Erfolge zeigen sich erst später. Die Herausforderung besteht darin, diese Zeit ohne neue Unruhen zu überbrücken.

          Weitere Themen

          Nur das Bestattungsgewerbe blüht

          Corona in der Ukraine : Nur das Bestattungsgewerbe blüht

          Das Gesundheitssystem der Ukraine steht angesichts hoher Infektionszahlen kurz vor dem Zusammenbruch. Betten werden knapp, Sauerstoffflaschen fehlen und 258 Ärzte und Krankenschwestern sind schon an dem Virus gestorben.

          Topmeldungen

          Milliarden über Milliarden gibt Deutschland für die Corona-Hilfen aus.

          Corona-Hilfen finanzieren : Die Länder müssen mehr selbst zahlen

          Die Länder müssen die finanziellen Folgen ihres Corona-Handelns spüren. Nur dann haben sie das Interesse, alle Maßnahmen ins Verhältnis zur Leistungsfähigkeit des Staates zu setzen.

          Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

          Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.