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Ukraine : Die Krim liegt für deutsche Firmen nebenan

  • Aktualisiert am

Alarmbereitschaft: ein ukrainisches Kriegsschiff im Hafen von Sewastopol Bild: AP

Russland ist für deutsche Unternehmen ein wichtiger Markt. Umso größer sind nun die Sorgen der Wirtschaft, dass der Machtkampf um die Ukraine die Geschäfte erschweren wird.

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          Von Harsewinkel bis Krasnodar in Russland sind es 2940 Kilometer. Von dort bis zur Krim allerdings, dem Schauplatz des Machtkampfes zwischen der Ukraine und Russland, sind es nur noch 500 Kilometer – weshalb das westfälische Familienunternehmen Claas die Lage dort genau verfolgt. Der Landtechnikhersteller aus Harsewinkel hat seit 2005 ein Werk in Krasnodar. 1000 Mähdräscher und Traktoren verlassen jedes Jahr die Fabrik. Derzeit wird gebaut, bald sollen es mehr als 2000 sein. Das landwirtschaftlich geprägte Russland sei wichtig für sie, sagt ein Sprecher.

          Auch für zahlreiche andere deutsche Unternehmen ist Russland ein wichtiger Markt geworden. Umso größer sind nun die Sorgen der Wirtschaft. Etwa 6000 deutsche Firmen sind nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft in Russland aktiv. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht von 20 Milliarden Euro aus, die deutsche Firmen in russische Produktionsstandorte investiert haben. Hinzu kommt der Handel: 2013 erreichte der Warenverkehr mit Russland 76,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Minus von mehr als 5 Prozent – auch weil sich die Hoffnungen in das russische Wachstum nicht erfüllten.

          Sie beobachteten die Lage genau, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche am Dienstag auf dem Autosalon in Genf. Die Krise könne den noch zaghaften Aufschwung auf dem europäischen Markt gefährden, hatte zuvor schon Autoindustrie-Präsident Matthias Wissmann gewarnt. Und Opel-Chef Chef Karl-Thomas Neumann erinnerte daran, dass Russland für sein Unternehmen schon heute der drittgrößte Markt sei und bis 2020 der wichtigste Automarkt in Europa sein werde.

          Siemens erhält Milliardenaufträge aus Russland

          Auch für Volkswagen ist Russland der strategische Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa, wie der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn im November sagte. In Genf warnte er nun: „Wir sind ein großer Handelspartner von Russland und blicken deshalb mit Sorge in die Ukraine und nach Russland.“ Bis Ende 2018 will VW weitere 1,2 Milliarden Euro in Russland investieren. Der Konzern verkauft dort jährlich mehr als 300.000 Fahrzeuge.

          Für Siemens hat Russland eine so hohe Priorität, dass der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser schon mal dem Ruf von Präsident Wladimir Putin folgt und andere Termine umwirft. Rund zwei Milliarden Euro Umsatz mit Russland klingen bezogen auf den Konzernumsatz von 76 Milliarden Euro nicht viel. Doch allein von 2012 bis 2014 investiert Siemens in Russland eine Milliarde Euro. Vor allem im Transportgeschäft gibt es Milliardenaufträge abzuarbeiten. Vor einem Jahr etwa bekam Siemens den zweiten Großauftrag für die Hochgeschwindigkeitszüge Sapsan. Auch am Bau von Raffinerien und Stromnetzen und an der Modernisierung der Infrastruktur ist Siemens beteiligt.

          Der Verfall des Rubels trifft Adidas jetzt schon hart, die Krise könnte die Entwicklung verschärfen. In Russland und in der Ukraine ist der Sportartikelhersteller Marktführer. Rund eine Milliarde Euro Umsatz fließen aus Russland nach Herzogenaurach. Negative Folgen drohen auch dem Handelskonzern Metro, der den Börsengang seiner russischen Großhandelstochtergesellschaft plant. Die unsichere Lage an der Börse in Moskau und die politische Krise könnten den Terminplan gefährden; eigentlich war die Börsenpremiere für Ostern angedacht. Mit seinen mehr als 70 Großhandelsmärkten erzielte Metro in Russland zuletzt 4,4 Milliarden Euro Umsatz. Die operative Umsatzrendite von rund 11 Prozent übertrifft deutsche Margen bei weitem.

          Ein Handelskrieg könnte die Auftragslage dämpfen

          Für den Maschinenbau ist Russland der viertwichtigste Exportmarkt mit einem Ausfuhrvolumen von knapp 8 Milliarden Euro. Insbesondere deutsche Bau- und Landtechnikmaschinen sind gefragt. Ein Handelskrieg könnte die Auftragslage spürbar dämpfen, warnte Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands.

          Noch gehe im Alltagsgeschäft alles seinen Gang, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des DIHK. „Doch die Sorgen sind groß.“ Die Beziehungen zu Russland seien eng geworden. Vorangekommen sei man auch bei der Visavergabe für Geschäftsreisende. „Jetzt gibt es Befürchtungen auf beiden Seiten, dass sich das wieder verschlechtern könnte.“ Auch das Einfrieren von Konten als eine mögliche Sanktion gegen Russland würde die Wirtschaftsbeziehungen belasten. Denkbare russische Gegenmaßnahmen wären protektionistische Hürden, sagt Treier, oder Hindernisse beim Transfer von Gewinnen nach Deutschland. Für unwahrscheinlich hält er dagegen ein Zudrehen des Gas- und Ölhahns. „Damit würde sich Russland ins eigene Fleisch schneiden.“

          Deutsche Unternehmen hätten jetzt schon Kurseinbrüche erlebt, nur weil sie in Russland aktiv seien, sagt Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ostausschusses. Von Sanktionen hält der Ostausschuss nichts – vor allem aus Furcht vor Gegenreaktionen und weil 300.000 deutsche Arbeitsplätze am Russlandgeschäft hingen. Sowohl bei Rohstoffen jenseits von Öl und Gas seien Gegenreaktionen denkbar, ebenso bei der Visavergabe. Zudem könnte Russland Zölle hochsetzen. Der Ostausschuss fürchtet vor allem ein gewaltiges Imageproblem für den Standort Russland. Die Vorteile des großen russischen Marktes mit seinen Rohstoffen und Kostenvorteilen kämen dagegen dann nicht mehr an. „Wir dürfen nicht dahin kommen, dass Unternehmen sich entschuldigen müssen, weil sie Geschäfte mit Russland machen“, sagt Lindner.

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