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Übernahmeschlacht : Der große Energiepoker

Machtpoker um die Energiefirmen Bild: AP

Eon, Endesa, Enel - langsam wird es unübersichtlich im Übernahmepoker. Aus Machtsucht wollen Politiker Zugriff auf ihre Energiefirmen nehmen. Doch die aktuellen Rückfälle in nationalen Chauvinismus wirken merkwürdig unzeitgemäß. Ein Kommentar von Gerald Braunberger.

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          Nun wird es unübersichtlich. Der Versuch des deutschen Energiekonzerns Eon, die spanische Endesa zu übernehmen, hat Prozesse in Gang gesetzt, die an die Dreiecksdiplomatie der europäischen Mächte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erinnern.

          Die Dreiecksdiplomatie führte bekanntlich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Der Energiepoker unserer Tage wird fraglos weniger martialisch enden, aber ganz ohne Blessuren dürfte es nicht abgehen.

          Zuerst kam Gas Natural...

          Die Ereignisse im Zeitraffer: Vor rund einem Jahr hatte Eon für Endesa ein Gebot über 27 Milliarden Euro abgegeben. Der Übernahmeversuch kam in Spanien nicht gut an und löste Abwehrreaktionen aus: Die Regierung versuchte, die Eon durch langwierige juristische Manöver zu entmutigen.

          Ein anderer spanischer Energiekonzern, Gas Natural, engagierte sich in Konkurrenz zur Eon und wollte die Endesa selbst übernehmen. Doch fehlte Gas Natural das notwendige Geld.

          ... dann Acciona...

          Dann stieg der spanische Baukonzern Acciona mit 21 Prozent bei Endesa ein, um der Eon den Weg zum Sieg zumindest zu erschweren. Die Eon zeigte sich von dieser Gegenwehr recht unbeeindruckt und antwortete mit einer in Übernahmeschlachten sehr wirksamen Maßnahme: Sie erhöhte ihr Gebot für Endesa in mehreren Schritten auf 41 Milliarden Euro.

          Die Deutschen schienen fast am Ziel, bis die Spanier dieser Tage plötzlich noch ein As aus dem Ärmel zogen: ein italienisches.

          ... und jetzt auch noch Enel

          Völlig überraschend hat nun der große italienische Energiekonzern Enel eine Beteiligung an der Endesa erworben, um die Deutschen zu blockieren. Es spricht vieles dafür, dass Absprachen zwischen den Regierungen in Madrid und Rom diesem Eingreifen der Enel vorausgingen. Die Italiener sind gebrannte Kinder: Im vergangenen Jahr scheiterte die Enel mit einer Übernahme des bedeutenden französisch-belgischen Versorgers Suez, den die französische Regierung unter ihre Fittiche nahm.

          Im Energiedreieck Eon-Endesa-Enel richten sich die Blicke nun wieder auf die Deutschen. Nach am Wochenende kursierenden Spekulationen sollen die Berater der Investmentbank Goldman Sachs dem Vorstand der Eon vorgeschlagen haben, sich auf die Italiener zu werfen und 25 Prozent an Enel zu erwerben. Dann wären die drei Parteien völlig ineinander verkeilt.

          Europa ist auf den Hund gekommen

          Wie diese Auseinandersetzung der Energiekonzerne ausgeht, lässt sich derzeit beim besten Willen nicht vorhersagen. Dennoch drängen sich Schlussfolgerungen auf, die über den Zwist der Konzerne hinausreichen.

          Erstens: Europa ist auf den Hund gekommen. Die Renationalisierung schreitet auf dem Alten Kontinent mit einem beängstigenden Tempo voran, betrieben von Politikern, denen Europa nichts bedeutet und die es als Prestigegewinn verstehen, in ihrem Lande ansässige Unternehmen vor ausländischem Zugriff zu sichern. Die Ära von Kohl, Mitterrand und González ist endgültig vorüber.

          Merkwürdig unzeitgemäß

          Zweitens: Jene europäischen Politiker, deren Blick kaum mehr über den nationalen Gartenzaun reicht, übersehen offenbar, was sich in der Welt tut. In ehemals belächelten Schwellenländern machen sich mächtige Unternehmen auf, nach europäischen Firmen zu greifen; seien es indische Stahlmagnaten oder russische Energiekolosse.

          Angesichts dieser Dynamik wirken die aktuellen Rückfälle in nationalen Chauvinismus merkwürdig unzeitgemäß. Es sei denn, Madrid sähe eines Tages lieber einen Abgesandten von Herrn Putin als Aufsichtsratschef der Endesa als einen Vertreter der Eon.

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