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Überalterung : Deutschland wird zur Rentnerdemokratie

Früher, als Lucke nur Professor war und noch nicht um Wählerstimmen werben musste, veröffentlichte er einen Aufruf, in dem er „Einschnitte in den sozialen Sicherungssystemen“ forderte. Doch an einem Montag im vergangenen Dezember, die große Koalition hat gerade ihren Vertrag vorgestellt, sitzt Lucke in seinem Haus in Winsen bei Hamburg und denkt überhaupt nicht daran, das 160 Milliarden Euro teure „Rentenpaket“ zu geißeln. Zur Rente mit 63 sagt er gar nichts – und die Mütterrente? „Die halte ich für richtig, schließlich hat die jetzige Generation der Rentner ihren Teil des Generationenvertrages erfüllt und eine große Anzahl Kinder bekommen.“

Die Jüngeren haben sich längst daran gewöhnt

Wenn es etwas zu kritisieren gebe, „dann die Tatsache, dass die heute Jungen den Generationenvertrag nicht erfüllen, indem sie nicht genug Kinder bekommen.“ Auch Lucke weiß, wo seine Anhänger sitzen. Die soll man tunlichst nicht verprellen. Die Jungen sollen die Lebensleistung der Älteren honorieren. Das macht die Rentengesetze der großen Koalition so populär. Die Mutter, die jetzt mehr Rente bezieht, sieht ihr Wirken am heimischen Herd endlich legitimiert.

Der Facharbeiter, der mit 15 Jahren schon in der Fabrik stand, darf jetzt endlich mal auf den Studenten herabschauen, der mit 25 noch studiert. Hinterher rücken die Alten das Geld gerne wieder heraus – aber nur freiwillig, als Akt der Solidarität innerhalb der eigenen Familie. Die Älteren haben ein latent schlechtes Gewissen gegenüber den Lebenschancen der Jüngeren. Sie fühlen sich in einer Bringschuld, weil sie sagen: Die Jüngeren werden es nicht mehr so gut haben wie wir.

Und die Jüngeren haben sich hierzulande längst daran gewöhnt. In Japan, der ältesten Gesellschaft auf der Welt, bläst die Jugend Trübsal und trauert den früheren Sicherheiten nach. In Deutschland ist die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen, bei den Jüngeren sehr viel besser ausgeprägt. Sie wissen, dass sie in einer Risikogesellschaft leben, und weil ihre To-do-Liste mit Bachelor-Studium, Karriere und Familienplanung auch immer länger wird, haben sie ohnehin gar keine Zeit, für ihre Interessen auf die Straße zu gehen.

Eine Art Familienwahlrecht

Da muss die Regierung also erst gar kein großes Geheimnis daraus machen, dass die Jungen letztlich zahlen müssen Auf die Frage, wo denn die Nachhaltigkeit in der Rentenpolitik bleibe, antwortet Nahles vergangenen Mittwoch ganz unverblümt: Bei der Absenkung des Rentenniveaus bleibe es doch. Im Jahr 2030, wenn die Rente mit 63 ausläuft, bekommen Neurentner im Schnitt nur noch 43 Prozent ihres letzten Bruttogehalts. Von den jetzt beschlossenen Rentengeschenken profitieren sie dann nicht mehr.

Die jüngeren Abgeordneten der Koalition fügen sich der Mehrheit, aber sie finden die Pläne nicht gut. Der 33-jährige Christdemokrat Jens Spahn setzt sich für die Interessen der Jüngeren ein, seit er 2002 ins Parlament einzog. Die Rente mit 67 sieht er immer noch als Fortschritt. „Dahinter wieder zurückzugehen fällt echt schwer“ sagt er.

Bereits heute sind ein Drittel der Wähler über 50 Jahre alt. „Parteien wollen Wahlen gewinnen. Da ist es nur logisch, dass sie dort um Stimmen werben, wo die meisten zu holen sind.“ Sein Vorschlag: Junge Eltern sollen künftig auch für ihre Kinder eine Stimme abgeben können, eine Art Familienwahlrecht. Es ist nicht nur aus demokratietheoretischer Sicht fraglich, ob die Idee irgendwann Einzug ins Grundgesetz findet. Wie heißt es auf dem Werbeplakat der Bundesregierung für ihr neues Rentenpaket: „Was steckt für Sie drin?“

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