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Überalterung : Deutschland wird zur Rentnerdemokratie

Renten-Lobby ist Chefsache

Das ist die zweite Erkenntnis: Die Alten sind nicht nur viele. Sie schaffen es auch, dass Politik stets in ihrem Sinne gemacht wird: ob die nun Rentnerpolitik heißt oder Familienpolitik. Das haben die Leserbriefschreiber richtig erkannt, der führende Rentenexperte Deutschlands, Axel Börsch-Supan, hätte es nicht besser ausdrücken können. Der Ökonom seziert die Motive der angeblich familienfreundlichen Politik: Bleiben in Deutschland weiter so viele Frauen zu Hause wie bisher, wird der Lebensstandard bis 2050 deutlich sinken, vor allem der Standard, den die Rentner bisher gewohnt sind.

Dafür, dass jede sozialpolitische Entscheidung in Deutschland ihrer eigenen wirtschaftlichen Zukunft dient, müssen die Rentner von heute und morgen gar nicht viel tun, das erledigen die Parteien schon von ganz allein für sie. In CDU und SPD gibt es spezielle Lobbygruppen für die Alten, sie heißen „Senioren-Union“ und „AG 60 plus“ – kein normaler Mensch hat je von diesen Namen gehört. Renten-Lobby ist Chefsache. Und die Parteichefs haben geliefert: Schulzeit verkürzt (G8), Studienzeit komprimiert (Bachelor). Die Wehrpflicht: eliminiert. Was die Politik als gesellschaftliche Reformen kaschiert, ist, bei Lichte betrachtet, nichts anderes als ein Beitragszahleraufzuchtsprogramm.

Gegen die Rentner von heute und morgen ist keine Politik zu machen in Deutschland, also wird für sie Politik gemacht, ohne dass es dazu einer Aufforderung bedürfte. Hätte man nur Wähler zwischen 25 und 35 abstimmen lassen, die Mehrheit der großen Koalition wäre reichlich knapp ausgefallen. Martin Speer ist Ende zwanzig, Student und Sprecher einer Stiftung, die im Namen einen Auftrag formuliert, dessen Scheitern seit dem Rentenpaket amtlich ist: „Für die Rechte zukünftiger Generationen.“

Speer wird in Talkshows gern als Rentner-Schreck eingeladen. Als er sich vor der Bundestagswahl mit dem damaligen Kanzleramtschef Roland Pofalla (CDU) traf, blitzte er hingegen ab. Den gewünschten Sitz im 15-köpfigen Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung bekam er nicht. „Pofalla hat uns vertröstet“, sagt Speer, „Politiker haben eben Schiss vor der Basis.“ Nach seinen öffentlichen Auftritten bekommt Speer böse Briefe und wütende Anrufe von Rentnern, es wird sehr schnell sehr emotional. Viele sind betroffen angesichts des Vorwurfs, ihre Generation plündere die Jungen aus.

Die Vernunft muss draußenbleiben

Tatsächlich geht es den Alten nicht so sehr um die 28 Euro, die es bei der Mütterrente im Schnitt gibt. Dazu ist die Generation der Älteren heute viel zu wohlhabend, die Armutsquote liegt halb so hoch wie bei den Jüngern. Das Wichtige ist die Anerkennung der eigenen Biographie, hat der Soziologe Heinz Bude beobachtet, es geht um Gerechtigkeit: „Wir haben unsere Lebensleistung.“ So äußern sie ihr Selbstgefühl.

Rentnerpolitik ist emotional motiviert, die Vernunft muss draußenbleiben. Bernd Lucke zum Beispiel wird im August 52 Jahre alt, damit ist er wenige Monate jünger als das Durchschnittsmitglied seiner Partei, der Alternative für Deutschland AfD. Die Partei der Babyboomer. Lucke lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in einem Hamburger Vorort mit Trampolin im Garten. Kinder sind ihm so wichtig wie kaum etwas sonst.

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