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Überalterung : Deutschland wird zur Rentnerdemokratie

Rentenministerin Andrea Nahles (SPD): „Was steckt für Sie drin im neuen Rentenpaket?“

Passgenau ist das Rentenpaket auf die Babyboomer ausgerichtet: Wenn der Jahrgang 1964 in Rente geht, nimmt er das zusätzliche Geld gerade noch mit. Den Jüngeren bleibt nur noch das geringere Rentenniveau, woraus die Regierung auch kein Geheimnis macht: Nach 2030 gibt’s im Alter nur noch 43 Prozent des vorhergehenden Bruttoeinkommens. 160 Milliarden Euro wird das „Rentenpaket“ in den nächsten 16 Jahren kosten, im Schnitt also zehn Milliarden pro Jahr. Franz Müntefering, der in der vorigen großen Koalition gegen viele Widerstände die Rente mit 67 eingeführt hat, sagt: „Neue Frühverrentungen sind ein falsches Signal.“

Die Ökonomen sind entsetzt, alle Zeitungen quer durchs politische Spektrum geißeln die Gesetze als eine fatale Rolle rückwärts. Sogar der Paritätische Wohlfahrtsverband schimpft. Und in der Regierung hört niemand zu. Wieso auch? Die Logik von Politik kann sehr exakt sein. Es genügt ein Blick auf die Zahlen: 90 Prozent. Das ist die Zustimmungsquote zum Rentenpaket. Neun von zehn Deutschen haben gegenüber der Forschungsgruppe Wahlen gesagt, das 160-Milliarden-Paket sei eine prima Sache.

Franz Müntefering, Vater der Rente mit 67

Der Meinungsforscher Matthias Jung beschäftigt sich seit jeher mit der älteren Generation: Er macht das Politbarometer für das ZDF. Nach seinen Daten richtet die Kanzlerin ihre Politik aus. Nach seinen 90 Prozent. „Zahlenmäßig waren die Jüngeren noch nie eine bedeutsame Wählergruppe“, sagt er kühl. Die Jungen dürfen erst mit 18 wählen, gehen einmal hin und verlieren wieder die Lust. Interessant wird der deutsche Wähler für die Parteien erst, wenn er auf die fünfzig zugeht. Dann ist der Ruhestand bereits absehbar.

Nach den neuesten Zahlen des Wahlforschers Jung halten es rund 80 Prozent der Befragten für „wichtig“ oder „sehr wichtig“, dass die Regierung ihre Rentengeschenke umsetzt. Gleichzeitig findet eine Mehrheit, dass die Pläne zu Lasten der jüngeren Generation gingen und dass der Staat weniger Geld ausgeben solle.

Die Älteren sichern sich das eigene Einkommen

Wie passt das zusammen? Der Einfluss der Älteren, das wird zunehmend klar, bleibt bei weitem nicht bei Rentenfragen stehen. Es geht vielmehr um ein gesellschaftliches Grundgefühl. Die konservative Grundmentalität der Republik wird von den Älteren garantiert, ganz unabhängig von der Rentenfrage. Nicht wer am meisten verspricht, bekommt die Stimme. Sondern wer am plausibelsten vor den Unbilden der Zukunft schützt. In einer Welt, in der alles bedroht erscheint, gilt der Erhalt des Status quo schon als eine politische Leistung.

An den Garanten der Stabilität haben sich die deutschen Wähler immer festgehalten: Konrad Adenauer, Helmut Kohl – und Angela Merkel, die in diesem Sommer auch schon sechzig wird. Den Status quo erhalten ist zur Lebensaufgabe der Älteren geworden, sie haben für das Lobbying in eigener Sache ja auch viel Zeit. Als in der letzten Legislaturperiode Kritik an der Brachialgewalt aufkam, mit der die Regierung den Ausbau der Kitas vorantrieb, griffen die Babyboomer in die Tasten und schrieben Leserbriefe: „Wir brauchen diese Einrichtungen.“

Sinn und Zweck der Aktion brachten die Alten messerscharf auf den Punkt: „Deutschland hat ein gravierendes Problem – es gehen nämlich die Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung aus.“ Natürlich geht es ihnen um die gute Sache, dass die Frauen Karriere und Beruf vereinbaren können und alle diese Dinge. Aber die Älteren sorgen auch für sich selbst, wenn sie für Kita-Plätze optieren: Sie sichern sich das eigene Einkommen.

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