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Über das Vergessen : Das Jahr nach Lehman

Bild: F.A.Z.

Die Krise kam als Schock über die Welt. Dabei ist alles schon einmal fast genauso da gewesen. Das große Rätsel bleibt, wieso wir das immer wieder vergessen.

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          „Es gab einmal eine Zeit, und sie dauerte immerhin Jahrzehnte, da die Ansicht vorherrschte, dass Krisen immer seltener, immer milder würden im Zuge einer Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaft. Das war die allgemeine Ansicht der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspraxis, auf die sich die ökonomische Welt nicht nur in ihrem Denken, sondern auch in ihrem Tun und Lassen eingestellt hatte. Darum trat die krisenentwöhnte Praxis der neuen Krise, die eine wirkliche Großkrise war und daneben eine tiefgreifende Wirtschaftsrevolution, so ahnungs- und hilflos gegenüber.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit diesen Sätzen eröffnet der Wirtschaftsjournalist Felix Pinner sein Buch „Die großen Weltkrisen“. Es wurde verfasst in den Jahren 1936 und 1937 in Zürich und New York und ist bis heute eine der präzisesten Darstellungen der Finanzkrisen, die je geschrieben wurden.

          Über das Vergessen reden

          Doch genauso wie die Erfahrung der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus in unseren Tagen der Vergessenheit anheimfiel, wurden auch der Autor Felix Pinner und seine treffsichere Analyse vergessen: Pinner, ein deutscher Jude, der in den zwanziger Jahren mit Essays in der „Weltbühne“ auf sich aufmerksam gemacht und später mit „Deutsche Wirtschaftsführer“ eine Theorie des kapitalistischen Unternehmers vorgelegt hatte, war gerade noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland entkommen. Im amerikanischen Exil, fern der ihm vertrauten Muttersprache und Kultur, wurde er nie heimisch. Sein letztes Buch „Capitalism after two Wars“ fand keinen Verleger. Im Mai 1942 nahm Pinner sich, zusammen mit seiner Frau, in New York das Leben.

          Wer heute, ein Jahr nach der epochalen Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers, über die erste große Krise des 21. Jahrhunderts nachdenkt, muss vor allem über das Vergessen reden. „Il n'y a de nouveau que ce qui est oublié“, wusste schon Rose Bertin, die Schneiderin der Marie Antoinette: „Es gibt nichts Neues - mit Ausnahme dessen, was wir vergessen haben.“ Wenn Pinner über „"das Fiktive und Aufgeblähte dieser dynamischen Spekulationsperiode“ schreibt, dann meint er nicht die amerikanischen Häuserpreise von 2005, sondern den raschen Boom der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die Verschuldung der Staaten und Unternehmungen alle Maße überstieg, täglich neue Aktiengesellschaften gegründet wurden und „die starke internationale Verflechtung des Finanzkapitals“ zu einer Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft wurde: Dem Boom folgte die Depression an den Kreditmärkten. Dann kam der Zusammenbruch der Warenmärkte und im Anschluss daran ein Bankencrash in den Vereinigten Staaten und in England.

          „Wir sind schon einmal hier gewesen“

          Die Krise der 1850er Jahre zeigt, wenn auch nicht in derselben Reihenfolge, ziemlich präzise das Muster späterer Krisen - auch der heutigen. „Wir sind schon einmal hier gewesen“, schreiben die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in einem faszinierenden Buch mit dem Titel "Dieses Mal ist alles anders", das im November auf den Markt kommt. Den Beweis führen die beiden Wissenschaftler mit Hilfe von Daten aus acht Jahrhunderten und 66 Ländern. Das Resultat: Finanzkrisen folgen stets einem Muster. Es hat sich schon vielmals in der Geschichte gezeigt und wird jedes Mal nur marginal variiert.

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