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Kurden und IS : Türkische Wirtschaftsexperten fürchten Unruhen

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In der großen vor allem von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir gab es erst vor einer Woche Proteste für mehr militärisches Engagement in Kobane. Bild: AFP

Die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei hat sich ohnehin eingetrübt. Neue Kämpfe mit Kurden im eigenen Land wären auch dafür Gift - ein ehemaliger Zentralbanker schlägt nun Alarm.

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          Der Ansturm der radikalislamischen Miliz Islamischer Staat (IS) auf die syrische Grenzstadt Kobani ist wie eine tickende Zeitbombe für die Türkei. Diese Angst hegt nicht nur der frühere Notenbanker Ugur Gürses, der große Gefahren auf das Schwellenland zukommen sieht. Er spricht aus, was viele Kenner der Türkei fürchten: „Falls Kobane an den IS fällt, wird es zu inneren Unruhen im Land kommen.“

          Der Fall der von syrischen Kurden bewohnten Stadt wäre ein Menetekel für die Türkei, die den Konflikt mit der kurdischen Minderheit im eigenen Land nur mit Mühe (einigermaßen) in den Griff bekommen hat. Neue große Unruhen wären Gift für die Wirtschaft des Landes. Auch für den im Sommer zum Präsidenten gewordenen Recep Tayyip Erdogan steht infolgedessen viel auf dem Spiel: Seine politische Karriere ist eng mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der aufstrebenden Volkswirtschaft verbunden - zum Beispiel mit den dadurch möglich gewordenen Leistungen gerade für arme Teile der Bevölkerung.

          Wenn die Türkei in den Konflikt in ihrem „Hinterhof“ hineingezogen wird, dürfte der Kurs der türkischen Lira abstürzen und der Ruf des Landes insgesamt leiden, warnt Gürses in der bedeutenden türkischen Zeitung „Hürriyet“. Diplomaten weisen hinter vorgehaltener Hand auch auf die Gefahr hin, dass sich IS-Extremisten mit Anschlägen auf Urlauberhochburgen in der Türkei für einen militärischen Eingriff rächen könnten.

          15 Millionen Kurden im Südosten

          Auch deswegen zögert die Türkei mit einer Intervention. Die Regierung steckt schlicht in einem Dilemma: Greift sie in den Konflikt aufseiten der Kurden jenseits der Grenze ein, wird sie unweigerlich in die Bürgerkriegswirren des Nachbarlandes hineingezogen. Verweigert die Türkei eine Unterstützung für die eingeschlossenen Kurden in Kobane, zieht sie sich den Zorn der eigenen kurdischen Minderheit zu.

          Einen Vorgeschmack darauf, was auf die Türkei zukommen könnte, lieferten jüngste Ausschreitungen zwischen demonstrierenden Kurden und Sicherheitskräften - in der vor allem von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir (siehe Bild) in Anatolien, aber auch in Istanbul und Ankara. Die traurige Bilanz: 35 Tote. Im Juni des kommenden Jahres wählen die Türken dann ein neues Parlament, und natürlich will Staatschef Erdogan die Macht seiner religiös-konservativen AKP erhalten.

          Proteste in Türkei : Kurden in Angst um Landsleute

          Wenn der Konflikt mit den Kurden innerhalb der Türkei wieder offen ausbrechen sollte, droht auch ökonomisch schwerer Schaden. Die von rund 15 Millionen Kurden bewohnte Region im Südosten des Landes birgt beachtliches Wachstumspotenzial, das die Regierung eigentlich „heben“ möchte. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Waffen schweigen. Presseberichten und Angaben von Kurden zufolge haben Kampfflugzeuge jedoch jüngst erstmals seit März 2012 wieder Stellungen der separatistischen PKK angegriffen - damit ist auch der Ruf Erdogans als Friedensstifter angekratzt, meint der Nahost-Experte Jonathan Friedman vom Centre for Turkey Studies in London.

          Dabei haben sich die Wirtschaftswachstums-Aussichten der Türkei ohnehin eingetrübt. Die Regierung hat ihre Prognose bereits nach unten revidiert und rechnet für nächstes Jahr mit einem Plus von nur noch vier Prozent. Damit dürften soziale Probleme vorprogrammiert - nach Ansicht von Ökonomen sind mindestens fünf Prozent Wachstum nötig, um die Arbeitslosigkeit im Zaum zu halten, die zehn Prozent beträgt.

          Finanzminister Mehmet Simsek will das Land jedoch wieder auf den „Pfad hohen Wachstums“ zurückführen: Der Weg soll über Wirtschaftsreformen führen, die die Regierung schon bald in Angriff nehmen will. Details bleibt er aber bislang schuldig.

          Nachdem Erdogan im November 2002 Regierungschef geworden war, wuchs das Land bis zur Finanzkrise um durchschnittlich sieben Prozent. Danach stürzte es in eine Rezession, bevor es sich 2010 mit starken Wachstumszahlen zurückmeldete. Seit Anfang dieses Jahres leidet es verstärkt darunter, dass Investoren Kapital abziehen - Auslöser war dabei wohl auch der Beginn des Ausstiegs aus den unkonventionellen Maßnahmen der amerikanischen Zentralbank gewesen.

          All das erschwert es Erdogan, seinen Lebenstraum zu verwirklichen: Er will sein Land pünktlich zum 100. Jahrestag der Gründung der modernen Türkei im Jahr 2023 unter die „Top Ten“ der Wirtschaftsnationen führen. Derzeit liegt das Land auf Platz 17.

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