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Kommentar : Propaganda für Erdogan

Ein türkisches Fähnlein im Wind? Wer sich für die Türkei als Wirtschaftsstandort einsetzt, macht Propaganda für Erdogan Bild: AP

Wer sich für die Türkei als Wirtschaftsstandort einsetzt, macht sich zum Sprachrohr des Despoten Recep Tayyip Erdogan. Mit harmloser Werbung hat das nichts mehr zu tun.

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          Freunde von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit blicken mit Bangen in die Türkei. Das Referendum am Ostersonntag könnte das Land zu einem Präsidialsystem verwandeln, in dem Gewaltenteilung, Pluralismus und Grundrechte auf Dauer ähnlich eingeschränkt wären wie derzeit im Ausnahmezustand. Ausgerechnet in dieser kritischen Phase stellen sich 16 namhafte Unternehmen aus Amerika, Europa und Asien in den Dienst der immer autokratischer handelnden Regierung. In Zeitungsanzeigen und Werbespots preisen sie den Standort als stabil, verlässlich und vertrauensvoll an.

          Auftraggeber ist der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi. Er ist nicht nur ein enger Freund von Präsident Erdogan, mit dem er die Sommerferien verbringt. Er gilt seit dem Umsturzversuch auch als ein Hardliner für die Gegenschläge des Regimes. Überliefert ist seine Drohung gegen die Putschisten: „,Tötet uns‘, werden sie uns anflehen. Selbst wenn wir sie hinrichteten, fände mein Herz keinen Frieden. Sie werden in zwei Quadratmeter großen Löchern sterben wie Kanalratten.“

          Zeybekçi durfte in Deutschland vorübergehend nicht auftreten, um für Erdogan zu werben. Das erledigen andere für ihn: die Landeschefs von Nestlé bis Novartis, von Samsung bis Toyota, von Danone bis BNP, von General Electric bis Ford. Vorgestellt wurde die Kampagne Ende März in der Türkei, mitten im Wahlkampf. Im Internet ist die Lobhudelei der Ausländer auf Türkisch zu sehen. Das dient zum einen Erdogans Regierungspartei AKP, zum anderen ist es eine unentgeltliche Werbung für die Unternehmen. Sie dürfen mit dem Wohlwollen der Verbraucher rechnen und vielleicht mit dem einen oder anderen Staatsauftrag aus Ankara.

          Die deutschen Unternehmen sind eine rühmliche Ausnahme. Sie haben abgesagt oder gar nicht reagiert. Doch die Initiatoren versichern, dass dies erst den Auftakt für eine große Offensive in Deutschland, Amerika, Großbritannien, Italien, Frankreich, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten bilde, um das angeblich verzerrte Bild der Türkei zurechtzurücken. Die Konzerne müssen aufpassen. Den kurzfristigen Werbeerfolgen in der Türkei stehen Reputationsrisiken gegenüber. In den Industrieländern haben Konsumenten schon für geringere Fehltritte den Daumen gesenkt als dafür, dass sich Geschäftsleute zum Sprachrohr von Despoten machen. Denn eines ist klar: Wofür sich Vodafone, Sanofi oder Fiat-Chrysler in der Türkei hergeben, ist keine Werbung mehr. Es ist Propaganda.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

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