https://www.faz.net/-gqe-yvgr

Transferleistungen : Unserer Mittelschicht geht es prächtig

Der Staat unterstützt öffentliche Einrichtungen wie Musikschulen: Davon profitiert die Mittelschicht Bild:

Das Bürgertum fühlt sich vom Staat ausgequetscht wie eine Zitrone. Zu Unrecht. Neue Zahlen belegen: Die Mitte bekommt viel mehr Geld zurück, als sie zahlt. Und nutzt das Angebot des Staates ausgiebig.

          6 Min.

          Er kommt öfter im Radio als das WM-Lied von Shakira und taucht öfter im Fernsehen auf als Günter Jauch. Gäbe es eine Top-10-Liste der politischen Plattitüden, dieser Satz stünde ganz oben: „Die Mittelschicht zahlt mal wieder drauf.“ Beispiele gibt es genug: Sprichwörtlich ist der „Mittelstandsbauch“ in der Einkommensteuer, also ein relativ hoher Steuersatz für mittlere Einkommen. Dass die Nettogehälter in den vergangenen Jahren kaum gestiegen sind, bekommt selbstredend auch die Mitte besonders zu spüren. Noch nicht einmal das Arbeitszimmer lässt sich von der Steuer absetzen. Und jetzt steigen auch noch die Krankenkassenbeiträge.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Koalition greift der Mittelschicht einmal mehr tief in die Tasche“, mosert SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch kritisiert: „Große Teile der Mittelschicht fürchten sich vor dem sozialen Abstieg.“ Die Mittelschicht fühlt sich ausgequetscht wie eine Orange in der Saftpresse von Onkel Dittmeyer.

          Die Mittelschicht zieht einen Vorteil aus öffentlichen Einrichtungen

          Zu Unrecht. Tatsächlich zeigen neue Zahlen, dass es der Mittelschicht gar nicht so schlecht geht. Daten des Statistischen Bundesamtes beweisen: Zwar zahlen Haushalte mit mittleren Einkommen jeden Monat mehrere hundert Euro an Steuern und Sozialabgaben – doch am Ende bekommen sie vom Staat mehr Geld zurück, als sie eingezahlt haben. „Aufgrund des progressiven Steuersystems leistet die Mittelschicht einen geringeren Beitrag als die Oberschicht“, sagt Markus Grabka am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Doch die Mittelschicht profitiert auch von vielen staatlichen Transfers.“

          Mehr noch. Die Mittelschicht erhält nicht nur Geld, das direkt auf das Konto fließt. Sie profitiert auch stärker als die Unterschicht von öffentlichen Einrichtungen wie Musikschulen und Sporthallen, die hoch subventioniert sind. Das legen Daten nahe, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für diese Zeitung erhoben worden sind. Sie stammen aus dem „Sozioökonomischen Panel“ (SOEP), einer Forschungseinrichtung am DIW, die jedes Jahr 23 000 Deutsche befragt und dessen Umfragen von Wirtschafts-Nobelpreisträger James Heckman mit ausgearbeitet werden.

          Rund 60 Prozent der Deutschen gehören zur Mittelschicht

          Wer ist Mittelschicht? Die Forscher zählen dazu alle Haushalte, deren Nettoeinkommen zwischen 70 Prozent und 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens (Median) liegt – rund 60 Prozent der Deutschen. Dabei berücksichtigen die Wissenschaftler auch, wie viele Menschen von diesem Einkommen leben. Nach dieser Definition gehört beispielsweise eine dreiköpfige Familie zur Mittelschicht, wenn sie zwischen 1720 und 3690 Euro Nettoeinkommen im Monat hat – inklusive aller Zahlungen vom Staat.

          Und da kommt eine ganze Menge Geld zusammen. Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 1700 und 3600 Euro erhalten im Schnitt mehr als 900 Euro im Monat vom Staat, hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet. Auf diese Weise kriegen die Bürger in der Mittelschicht mehr als so manche Reicheren. Und vor allem: Sie bekommen deutlich mehr als die Armen. Die ärmsten Deutschen mit dem geringsten Nettoeinkommen kriegen durchschnittlich keine 700 Euro im Monat.

          Die Familien profitieren von Kinder- und Elterngeld

          Zwar gibt es für die Armen vom Staat Hartz IV. Doch wenn Angehörige der Mittelschicht arbeitslos werden, zahlt ihnen der Staat für ein Jahr das höhere Arbeitslosengeld I – und das ersetzt immerhin zwei Drittel des Einkommens.

          Vor allem die Familien der Mittelschicht werden vom Staat gepampert. Da ist erstens das Kindergeld. Zweitens profitiert die Mittelschicht seit 2007 vom Elterngeld, das für viele Mütter und Väter mit mittlerem Einkommen tatsächlich wächst, wenn das Einkommen steigt – nicht dagegen für die Oberschicht, die eher an die Höchstgrenze für das Elterngeld von 1800 Euro im Monat stößt.

          Niemand kriegt mehr Rente als die Mittelschicht

          Den größten Batzen öffentlicher Umverteilung für die Mittelschicht machen allerdings Renten und Pensionen aus. Die Daten des statistischen Bundesamtes zeigen: Niemand kriegt mehr Rente als die Mittelschicht. Nicht einmal die Oberschicht, die häufig von ihren eigenen Kapitalerträgen lebt. Im Ruhestand holt sich die Mittelschicht ihre zuvor eingezahlten Beiträge zurück – trotz aller Rentenreformen. Sie bekommt nicht nur eine höhere Rente als die Unterschicht, sondern sie bekommt diese auch noch länger – schließlich ist ihre Lebenserwartung um mehrere Jahre höher, wie Demographen ausgerechnet haben.

          Doch obwohl die Mittelschicht so viel Geld vom Staat kriegt, zahlt sie nicht besonders viel in die Staatskasse ein. An Steuern und Abgaben führt die Mittelschicht nach allen Steuertricks, Pendlerpauschalen und Werbungskostenpauschalen rund 25 Prozent ihres Nettoeinkommens an den Staat ab. Die Oberschicht zahlt dagegen rund 30 Prozent. In absoluten Beträgen bedeutet dies, dass Mittelschichts-Haushalte vom Staat durchschnittlich 100 bis 400 Euro im Monat mehr erhalten, als sie bezahlen.

          Der Staat bekommt von der Mittelschicht weniger, als er ihr zurückzahlt

          So ähnlich ist es auch in vielen anderen reichen Ländern. Das haben Wissenschaftler schon in den 90er-Jahren ausgerechnet: Fast überall bekommt der Staat von der Mittelschicht weniger, als er ihr zurückzahlt. Das gilt sowohl für liberale Staaten wie Amerika als auch für sozialdemokratische wie Schweden. Die Industrieländer-Organisation OECD hat ausgerechnet, dass die Mittelschicht im Durchschnitt 49 Prozent an Steuern und Abgaben in den Staatstopf zahlt, aber 56 Prozent dem Topf entnimmt.

          Es liegt an der Demokratie, dass so viel Geld bei der Mittelschicht ankommt. „Dort verorten die politischen Akteure ihre Wähler“, sagt Jochen Pimpertz am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Um als aktiv wahrgenommen zu werden, müssen Politiker etwas tun.“ Also führen sie Zuschüsse ein, die einem Teil der Mittelschicht viel Geld bringen – zum Beispiel das Elterngeld. Und sie hoffen, dass die Bürger sich für die Geschenke in der Wahlkabine bedanken. Dass die Wohltaten andererseits zusätzliche Steuern kostet, stört kaum jemanden. Ähnlich ist es beim Gegenteil: „Wenn einmal die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sinken, fällt das kaum jemandem auf“, sagt Pimpertz. Am Ende bleibt für Politiker ein großer Anreiz, Wohltaten zu verteilen.

          Die Summe für öffentliche Einrichtungen ist riesig

          Das geschieht nicht nur per Überweisung. Zusätzlich profitiert die Mittelschicht – gemeinsam mit der Oberschicht – von öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Sporthallen, Bibliotheken, Museen und Musikschulen. Was das die öffentliche Hand kostet, ist kaum zu ermitteln, denn das Geld stammt aus Tausenden unterschiedlicher Quellen in Bund, Ländern und den einzelnen Städten. Doch die Summe ist riesig.

          Das beginnt mit den Opern und Theatern: Laut Statistik wird jedes Opern- und Theaterticket vom Staat mit dem Vierfachen seines Preises bezuschusst. In der Frankfurter Oper zahlt der Staat für jeden Besucher 200 Euro drauf. Spötter schlugen schon vor, die Oper zu schließen und das Geld den Besuchern direkt auszuzahlen. Die könnten damit nach Wien fliegen, dort die Oper besuchen und anschließend noch Essen gehen. Nicht jede öffentliche Einrichtung ist so teuer wie die Oper, aber es beginnt schon im Kleinen: Für die Rheinische Musikschule bezahlt die Stadt Köln jährlich mehr als sechs Millionen Euro – von dern Schülern bekommt sie nur die Hälfte zurück.

          „Die Mittelschicht nimmt öffentliche Einrichtungen stärker in Anspruch als die Unterschicht.“

          Der Verdacht liegt nahe: Solches Geld kommt vorrangig der Mittel- und Oberschicht zugute, weil die Angehörigen der Unterschicht ihre Kinder nicht zum Cello-Unterricht schicken. Das haben die Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung für diese Zeitung nachgerechnet. Aus ihren Daten haben sie entnommen, wie Kinder aus den unterschiedlichen Schichten ihre Freizeit verbringen. „Die Ergebnisse bestätigen meine Vermutungen“, sagt der Wissenschaftler Markus Grabka. „Die Mittelschicht nimmt öffentliche Einrichtungen stärker in Anspruch als die Unterschicht.“

          Beispiel Musikschule: Die Kinder zwischen 6 und 16 Jahren, die Musik- oder Gesangsunterricht bekommen, stammen zu 65 Prozent aus der Mittelschicht – dabei machen sie nur 61 Prozent der Kinder in jener Altersgruppe aus. Selbst wenn an der Schule Arbeitsgemeinschaften angeboten werden, sind Mittel- und Oberschicht häufiger dabei als die Unterschicht.

          Staat gibt für das Gymnasium mehr Geld aus als für die Hauptschule

          An der Schule holt sich die Mittelschicht ohnehin viel Geld vom Staat zurück. „Im Gymnasium gibt der Staat für jeden Schüler mehr Geld aus als an der Hauptschule“, sagt SOEP-Forscher Grabka. „Und im Gymnasium finden sich mehr Schüler aus der Mittel- und Oberschicht. Auch auf diese Weise profitieren sie vom Staat.“

          Ein ähnliches Bild zeigen fast allen Aktivitäten, die Kinder und Jugendliche häufig unternehmen. Die einzige Einrichtung, die von der Unterschicht besonders häufig genutzt wird, sind Jugendhäuser und Jugendzentren der Städte – doch die haben ohnehin nur ein kleines Publikum. Vom Staat gefördert werden aber auch der Sport, zum Beispiel mittels öffentlicher Schwimmbäder, Turnhallen und Stadien – und eben die Musik, von der Musikschule bis zur Oper.

          Die Mittelschicht verteidigt ihre Ansprüche

          Diese Umverteilung ist gesellschaftlich höchst akzeptiert. Forderungen, die Transfers zu schrumpfen, scheitern regelmäßig am Vorwurf, das führe in die soziale Schieflage und zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. „Die Befürchtung ist: Wenn man so eine Förderung abschafft, enteignet man immer Angehörige der Unterschicht, die irgendwie auch davon profitieren“, sagt der Sozialpolitik-Professor Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum.

          Das kann man auch frecher sagen: Die Mittelschicht verteidigt ihre Ansprüche. Statt dies offen auszusprechen – das schickt sich nicht – camoufliert sie die Bewahrung des Status quo als soziale Wohltat im Interesse der Armen. Das ist keine ungeschickte Legitimation.

          Wer die Armen wirklich fördern will, lässt ihnen die Leistungen lieber direkt zukommen. Das ist günstiger. „Hätten wir von Anfang an auf Effizienz geachtet, hätten wir vermutlich ein anderes System, in dem die Mittelschicht deutlich weniger bekommt“, sagt SOEP-Forscher Markus Grabka. Dann allerdings wäre das Jammern der Mittelschicht noch lauter als heute.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts in Dresden auf ihren Plätzen.

          Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

          Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.
          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.