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Transferleistungen : Unserer Mittelschicht geht es prächtig

Der Staat unterstützt öffentliche Einrichtungen wie Musikschulen: Davon profitiert die Mittelschicht Bild:

Das Bürgertum fühlt sich vom Staat ausgequetscht wie eine Zitrone. Zu Unrecht. Neue Zahlen belegen: Die Mitte bekommt viel mehr Geld zurück, als sie zahlt. Und nutzt das Angebot des Staates ausgiebig.

          Er kommt öfter im Radio als das WM-Lied von Shakira und taucht öfter im Fernsehen auf als Günter Jauch. Gäbe es eine Top-10-Liste der politischen Plattitüden, dieser Satz stünde ganz oben: „Die Mittelschicht zahlt mal wieder drauf.“ Beispiele gibt es genug: Sprichwörtlich ist der „Mittelstandsbauch“ in der Einkommensteuer, also ein relativ hoher Steuersatz für mittlere Einkommen. Dass die Nettogehälter in den vergangenen Jahren kaum gestiegen sind, bekommt selbstredend auch die Mitte besonders zu spüren. Noch nicht einmal das Arbeitszimmer lässt sich von der Steuer absetzen. Und jetzt steigen auch noch die Krankenkassenbeiträge.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Koalition greift der Mittelschicht einmal mehr tief in die Tasche“, mosert SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch kritisiert: „Große Teile der Mittelschicht fürchten sich vor dem sozialen Abstieg.“ Die Mittelschicht fühlt sich ausgequetscht wie eine Orange in der Saftpresse von Onkel Dittmeyer.

          Die Mittelschicht zieht einen Vorteil aus öffentlichen Einrichtungen

          Zu Unrecht. Tatsächlich zeigen neue Zahlen, dass es der Mittelschicht gar nicht so schlecht geht. Daten des Statistischen Bundesamtes beweisen: Zwar zahlen Haushalte mit mittleren Einkommen jeden Monat mehrere hundert Euro an Steuern und Sozialabgaben – doch am Ende bekommen sie vom Staat mehr Geld zurück, als sie eingezahlt haben. „Aufgrund des progressiven Steuersystems leistet die Mittelschicht einen geringeren Beitrag als die Oberschicht“, sagt Markus Grabka am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Doch die Mittelschicht profitiert auch von vielen staatlichen Transfers.“

          Mehr noch. Die Mittelschicht erhält nicht nur Geld, das direkt auf das Konto fließt. Sie profitiert auch stärker als die Unterschicht von öffentlichen Einrichtungen wie Musikschulen und Sporthallen, die hoch subventioniert sind. Das legen Daten nahe, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für diese Zeitung erhoben worden sind. Sie stammen aus dem „Sozioökonomischen Panel“ (SOEP), einer Forschungseinrichtung am DIW, die jedes Jahr 23 000 Deutsche befragt und dessen Umfragen von Wirtschafts-Nobelpreisträger James Heckman mit ausgearbeitet werden.

          Rund 60 Prozent der Deutschen gehören zur Mittelschicht

          Wer ist Mittelschicht? Die Forscher zählen dazu alle Haushalte, deren Nettoeinkommen zwischen 70 Prozent und 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens (Median) liegt – rund 60 Prozent der Deutschen. Dabei berücksichtigen die Wissenschaftler auch, wie viele Menschen von diesem Einkommen leben. Nach dieser Definition gehört beispielsweise eine dreiköpfige Familie zur Mittelschicht, wenn sie zwischen 1720 und 3690 Euro Nettoeinkommen im Monat hat – inklusive aller Zahlungen vom Staat.

          Und da kommt eine ganze Menge Geld zusammen. Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 1700 und 3600 Euro erhalten im Schnitt mehr als 900 Euro im Monat vom Staat, hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet. Auf diese Weise kriegen die Bürger in der Mittelschicht mehr als so manche Reicheren. Und vor allem: Sie bekommen deutlich mehr als die Armen. Die ärmsten Deutschen mit dem geringsten Nettoeinkommen kriegen durchschnittlich keine 700 Euro im Monat.

          Die Familien profitieren von Kinder- und Elterngeld

          Zwar gibt es für die Armen vom Staat Hartz IV. Doch wenn Angehörige der Mittelschicht arbeitslos werden, zahlt ihnen der Staat für ein Jahr das höhere Arbeitslosengeld I – und das ersetzt immerhin zwei Drittel des Einkommens.

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