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Transferleistungen : Unserer Mittelschicht geht es prächtig

Das beginnt mit den Opern und Theatern: Laut Statistik wird jedes Opern- und Theaterticket vom Staat mit dem Vierfachen seines Preises bezuschusst. In der Frankfurter Oper zahlt der Staat für jeden Besucher 200 Euro drauf. Spötter schlugen schon vor, die Oper zu schließen und das Geld den Besuchern direkt auszuzahlen. Die könnten damit nach Wien fliegen, dort die Oper besuchen und anschließend noch Essen gehen. Nicht jede öffentliche Einrichtung ist so teuer wie die Oper, aber es beginnt schon im Kleinen: Für die Rheinische Musikschule bezahlt die Stadt Köln jährlich mehr als sechs Millionen Euro – von dern Schülern bekommt sie nur die Hälfte zurück.

„Die Mittelschicht nimmt öffentliche Einrichtungen stärker in Anspruch als die Unterschicht.“

Der Verdacht liegt nahe: Solches Geld kommt vorrangig der Mittel- und Oberschicht zugute, weil die Angehörigen der Unterschicht ihre Kinder nicht zum Cello-Unterricht schicken. Das haben die Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung für diese Zeitung nachgerechnet. Aus ihren Daten haben sie entnommen, wie Kinder aus den unterschiedlichen Schichten ihre Freizeit verbringen. „Die Ergebnisse bestätigen meine Vermutungen“, sagt der Wissenschaftler Markus Grabka. „Die Mittelschicht nimmt öffentliche Einrichtungen stärker in Anspruch als die Unterschicht.“

Beispiel Musikschule: Die Kinder zwischen 6 und 16 Jahren, die Musik- oder Gesangsunterricht bekommen, stammen zu 65 Prozent aus der Mittelschicht – dabei machen sie nur 61 Prozent der Kinder in jener Altersgruppe aus. Selbst wenn an der Schule Arbeitsgemeinschaften angeboten werden, sind Mittel- und Oberschicht häufiger dabei als die Unterschicht.

Staat gibt für das Gymnasium mehr Geld aus als für die Hauptschule

An der Schule holt sich die Mittelschicht ohnehin viel Geld vom Staat zurück. „Im Gymnasium gibt der Staat für jeden Schüler mehr Geld aus als an der Hauptschule“, sagt SOEP-Forscher Grabka. „Und im Gymnasium finden sich mehr Schüler aus der Mittel- und Oberschicht. Auch auf diese Weise profitieren sie vom Staat.“

Ein ähnliches Bild zeigen fast allen Aktivitäten, die Kinder und Jugendliche häufig unternehmen. Die einzige Einrichtung, die von der Unterschicht besonders häufig genutzt wird, sind Jugendhäuser und Jugendzentren der Städte – doch die haben ohnehin nur ein kleines Publikum. Vom Staat gefördert werden aber auch der Sport, zum Beispiel mittels öffentlicher Schwimmbäder, Turnhallen und Stadien – und eben die Musik, von der Musikschule bis zur Oper.

Die Mittelschicht verteidigt ihre Ansprüche

Diese Umverteilung ist gesellschaftlich höchst akzeptiert. Forderungen, die Transfers zu schrumpfen, scheitern regelmäßig am Vorwurf, das führe in die soziale Schieflage und zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. „Die Befürchtung ist: Wenn man so eine Förderung abschafft, enteignet man immer Angehörige der Unterschicht, die irgendwie auch davon profitieren“, sagt der Sozialpolitik-Professor Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum.

Das kann man auch frecher sagen: Die Mittelschicht verteidigt ihre Ansprüche. Statt dies offen auszusprechen – das schickt sich nicht – camoufliert sie die Bewahrung des Status quo als soziale Wohltat im Interesse der Armen. Das ist keine ungeschickte Legitimation.

Wer die Armen wirklich fördern will, lässt ihnen die Leistungen lieber direkt zukommen. Das ist günstiger. „Hätten wir von Anfang an auf Effizienz geachtet, hätten wir vermutlich ein anderes System, in dem die Mittelschicht deutlich weniger bekommt“, sagt SOEP-Forscher Markus Grabka. Dann allerdings wäre das Jammern der Mittelschicht noch lauter als heute.

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