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Tragetaschen : Plastik statt Jute

Etwa 4 Milliarden Plastiktüten werden hierzulande jährlich verbraucht
          3 Min.

          „Soll ich dir das Schönste zeigen, was ich je gefilmt habe?“ Das fragt im preisgekrönten Filmdrama „American Beauty“ der junge Protagonist seine Freundin. Zu sehen ist eine Plastiktüte, die vom Wind getragen durch das Bild zu tanzen scheint. Solche Bilder sollen in Los Angeles künftig nicht mehr entstehen. Weil zu viele Plastiktüten auf den Straßen entsorgt werden, hat das Stadtparlament in der vergangenen Woche beschlossen, dass von Juli 2010 an keine Tüten mehr kostenlos abgegeben werden dürfen. Und die Tragetaschen müssen aus Papier oder biologisch abbaubarem Plastik bestehen.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit der Regelung folgt die kalifornische Metropole dem Beispiel von San Francisco, wo seit November 2007 das bundesweit erste Verbot gilt. 100 Dollar müssen Läden seither zahlen, wenn sie das erste Mal gegen die Regel verstoßen; 200 und 500 Dollar werden Wiederholungstätern aufgebrummt. Ausnahmen gelten für kompostierbare Tüten. Seit diesem Sommer müssen auch in China Kunden für Tragetaschen bezahlen. Und in Australien hat Umweltminister Garrett, früher einmal Sänger der Gruppe Midnight Oil, ein komplettes Verbot durchgesetzt.

          In deutschen Supermärkten zahlen Kunden schon lange für ihre Tragetaschen

          In Deutschland aber sind nur vereinzelt Stimmen zu vernehmen, die diesen Beispielen nacheifern wollen. Als der Bremer Umweltsenator Reinhard Loske Anfang Februar ein Verbot forderte, war die mediale Resonanz zwar groß. Unterstützung konnte der Grünen-Politiker aber nicht mobilisieren. „In Deutschland ist das kein Thema, weil der Verpackungsmüll schon unter Umweltminister Töpfer angegangen wurde“, heißt es aus dem Bundesumweltministerium. Das Ergebnis war der Grüne Punkt: Auch Tüten werden getrennt sortiert und anschließend entsorgt oder recycelt. In Supermärkten zahlen Kunden schon lange für ihre Tragetaschen.

          Auf 4 Milliarden Plastiktüten schätzt der Industrieverband Kunststoffverpackungen den jährlichen Verbrauch hierzulande; im vergangenen Jahr sind demnach 90.000 Tonnen Kunststofftaschen im Wert von 200 Millionen Euro produziert worden – das waren jeweils Steigerungen von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rechnet man aber die 2 Milliarden Tüten hoch, die die Stadtverwaltung von Los Angeles allein für die kalifornische Großstadt vermutet, erscheint die Menge in Deutschland im Vergleich zu Amerika eher unbedeutend.

          Plastiktaschen schützen auch vor Regen

          Und in ihrer Ökobilanz schneiden weder Papier- noch Baumwolltüten besser ab. Im Gegenteil: Die staatliche Schweizer Materialprüfstelle EMPA hat kürzlich ausgerechnet, wie oft eine Kunststofftüte benutzt werden muss, um auf dieselbe Umweltbelastung zu kommen wie andere Tüten. Wurden alle schädlichen Emissionen berücksichtigt (also zum Beispiel auch Dünger oder Pestizide) genügten 2,8 Einsätze für die Plastiktragetasche; Papiertüten mussten schon 3-mal verwendet werden, Baumwolltaschen sogar 38-mal. Besser schnitt Papier allerdings ab, wenn nur der Klimaeffekt berechnet wurde. In der Produktion einer Papiertüte werden laut EMPA 60 Gramm Kohlendioxid ausgestoßen, die Recycling-Plastiktüte emittierte 65 Gramm und die Plastiktüte aus Neugranulat 120 Gramm. Auch in dieser Rechnung hatte die Baumwolltasche mit 1700 Gramm CO2 die schlechtesten Ergebnisse.

          Nicht nur deshalb konnten Baumwoll- und Papiertüten den Kunststofftaschen nicht den Rang ablaufen. Werden sie nach ihren Einkaufspreisen verkauft, entscheiden sich 80 Prozent der Kunden für Plastik, 15 Prozent für Papier und 5 Prozent für Baumwolle. Das hat Papier Mettler aus Morbach im Hunsrück ermittelt, Europas größter Hersteller von Plastiktüten. Viele empfinden sie als praktischer, weil sie Waren auch vor Regen schützen. „Grundsätzlich gibt es aus unserer Sicht nur ein Problem in Ländern, die nicht über funktionierende Verwertungssysteme für Abfälle und Wertstoffe verfügen“, sagt Marketingleiterin Jenny Campos.

          „Für uns war das damals eine Frage des Lebensstils“

          „Jute statt Plastik“ – mit diesem Slogan warb Heiner Grysar vor 30 Jahren für die Stoffbeutel. „Für uns war das damals eine Frage des Lebensstils“, sagt der heutige Bildungsreferent des katholischen Hilfswerks Misereor. „Wir wollten zeigen, dass wir verantwortlich dafür sind, was wir hinterlassen.“ Dass die Ökobilanz der Baumwolltasche, die die Jute bald ablöste, schlechter ausfällt, gesteht Grysar zu. Dennoch wünscht er sich heute neue Anreize dafür, auf Plastik zu verzichten.

          An der Vormachtstellung der Plastiktüte konnte seine Initiative jedenfalls nicht rütteln. „Die Kritik hat in den vergangenen 30 Jahren nicht zu größeren Einbrüchen bei Kunststofftragetaschen geführt“, sagt Ulf Kelterborn, Geschäftsführer des Industrieverbands Kunststoffverpackungen. „Wenn es Insolvenzen gegeben hat, dann jedenfalls nicht deswegen, weil der Markt insgesamt eingebrochen wäre.“

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