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Reise in die Provinz : Die vergessenen Wähler Frankreichs

Wahlplakat für Marine Le Pen, Kandidatin des Front National, in der französischen Stadt Amiens Bild: Polaris /Studio X

Tiefe Gräben ziehen sich durch Frankreich: Die Start-up-Unternehmen erblühen, doch abseits der Städte verwelken die Regionen. Eine Reise zu oft vergessenen Wählern, die zusammen aber sehr viele sind.

          6 Min.

          Der Bürgermeister der französischen Kleinstadt Guéret war am vergangenen Mittwoch außer Haus. Ins 400 Kilometer nördlich gelegene Paris war Michel Vergnier gefahren, um dort gegen die geplante Schließung eines örtlichen Autozulieferers zu protestieren. Die Demonstration fand auf den Champs-Elysées statt – jener sogenannten Prachtallee, die am Tag darauf Schauplatz eines neuen Terroranschlages wurde. Damit sind die beiden größten Herausforderungen beschrieben, unter denen Frankreich an diesem Sonntag seine Präsidentenwahl angeht: die Arbeitslosigkeit und der Terrorismus. Beides sind nach den Umfragen die tiefsten Sorgen der Franzosen. Ein direkter Zusammenhang zwischen diesen beiden Bedrohungen ist nicht herzustellen, und dennoch fällt auf, dass etliche Attentäter in Frankreich aus einem Milieu kommen, in dem Karrieren aus Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Radikalisierung kein seltener Werdegang sind.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die bestimmende Farbe in Guéret ist Grau. Vom Gerichtsgebäude über das Bürgermeisteramt bis zu den Mauern und Dächern der meisten Wohnhäuser – fast alles erscheint grau. Auch der Bahnhof ist ergraut, denn seine beste Zeit liegt hinter ihm. Die staatliche Bahngesellschaft SNCF hat viele Verbindungen eingestellt, weil die Verluste zu groß waren. Wer von Paris kommt, muss das letzte Stück mit dem Bus zurücklegen. Vor fünf Jahren schloss die Bahngesellschaft die Verbindung Bordeaux–Guéret–Lyon, und seit dem Herbst hält auch der deutsche Fernbusanbieter Flixbus nicht mehr an. Die Stadt mit ihren 13 000 Einwohnern, zu der immerhin eine Präfektur, ein größeres Krankenhaus und die Verwaltung des Departements Creuse gehören, fühlt sich abgehängt – im harten Konkurrenzkampf der Globalisierung und auch ganz konkret vom öffentlichen Transportnetz Frankreichs.

          Guéret liegt im Herzen Frankreichs, ist aber dennoch Randgebiet. Im französischen Flächenstaat sind es häufig die Regionen im Landesinneren, die in der wirtschaftlichen Entwicklung zurückfallen. Kraftzentren wie Lyon, Bordeaux und Lille sind weit weg, ganz zu schweigen von Paris. Die Franzosen sprechen von „la France profonde“, dem „tiefen Frankreich“. Gemeint sind landwirtschaftlich geprägte Regionen mit saftigen Wiesen und sanften Hügeln. Den meisten Franzosen sind sie nur vom Durchfahren bekannt, falls sie dort nicht ein Ferienhäuschen oder Verwandtschaft haben.

          Der französische Geograph Christophe Guilluy nennt diese Gegenden das „Frankreich der Peripherie“. Die wirtschaftlich starken Großstädte des Landes, an deren Rändern sich Einwanderer und die Arbeiterklasse ansiedeln, schreiten trotz aller Verwerfungen voran. Das ländliche Frankreich dagegen stagniert. Die Menschen sind dort mit ihrer Heimat eng verwurzelt; die hohen Immobilienpreise in den urbanen Gegenden erschweren jeden Umzug. Die Jobs aber kommen nicht mehr zu ihnen. In Guéret liegt die Arbeitslosigkeit bei gut 15 Prozent – etwa anderthalbmal so viel wie der nationale Durchschnitt.

          Im Stadtzentrum ist der Abstieg besonders augenscheinlich

          Bei der Präsidentenwahl reden Kleinstädte wie Guéret dennoch ein gewichtiges Wort mit. Die Frage ist nur, welches. Die Umfrageinstitute setzen in ihren Erhebungen heute meist auf Internetverbindungen, die vor allem die Jüngeren nutzen. Im Departement Creuse hat die Internetabdeckung jedoch große Lücken; gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter. Was sie genau denkt und wie sie sich am Sonntag mehrheitlich entscheiden wird, ist schwierig herauszufinden.

          Im Stadtzentrum ist der Abstieg von Guéret besonders augenscheinlich. Viele Schaufenster sind vergittert. „Geschlossen“ oder „Zu vermieten“ steht auf den Schildern. In der Fußgängerzone dürfte fast jeder dritte Laden dichtgemacht haben. Am Vormittag eines normalen Werktages ist kaum eine Menschenseele unterwegs. „Hier gibt es keine Arbeit und damit keine Einkommen. Hier herrscht Wüste“, erzürnt sich die Besitzerin eines Lederwarengeschäfts. „Es ist wirklich sehr ruhig geworden.

          Vor etwa einem Jahr fing es an, und seit Jahresbeginn hat es sich noch verstärkt“, sagt die Eigentümerin eines Ladens für Schmuck und Accessoires. Geschäftsschließungen können leicht zum Schneeball werden, zumal wenn, wie im Fall von Guéret, zusätzlich die französischen Medien über das aussterbende Stadtzentrum berichten. Der Bürgermeister hat einige Supermärkte am Stadtrand zugelassen, sie schaffen nicht nur Arbeit, sondern bringen auch Steuereinnahmen, doch gleichzeitig sind sie der Tod des innerstädtischen Einzelhandels, wenn dieser sich nicht mit seinem Angebot von den Massenwaren abheben kann.

          Als verwahrlost kann Guéret nicht gelten

          Als verwahrlost kann Guéret dennoch nicht gelten. Denn der öffentliche Dienst ist sein Rettungsring. Er bietet dem Großteil der arbeitenden Bevölkerung Beschäftigung und kümmert sich, wie im Fall der örtlichen Sozialamtsbehörde, auch um die Alimentierung der Unbeschäftigten. Die Parkplätze in der Stadt sind denn auch vollbesetzt – zum Gram der Geschäftsbesitzer allerdings nicht von den Autos der Kunden, sondern durch die Wagen der öffentlich Bediensteten. Gleichzeitig sind die lokalen Steuern hoch, wie die Geschäftsleute beklagen, denn dies treibt auch die Mieten nach oben.

          „Es tut einem Politiker wie mir im Herzen weh, unser Stadtzentrum auf dem absteigenden Ast zu sehen. Doch unter dieser Entwicklung leidet nicht nur Guéret“, verteidigt sich Bürgermeister Vergnier, der gleichzeitig auch Parlamentsabgeordneter in Paris ist. Er hat eine junge Frau eingestellt, die sich darum kümmert, den Stadtkern zu beleben. Sie veranstaltete ein Bierfest und Kunstausstellungen in den leeren Geschäften. Doch neue Mieter kann auch sie nicht herbeizaubern.

          Politisch steht Guéret links; der seit fast zwanzig Jahren regierende Bürgermeister Vergnier gehört zum linken Flügel der Sozialistischen Partei. Ihr Kandidat Benoît Hamon liegt in den Umfragen freilich abgeschlagen auf dem fünften Platz, denn Hamon repräsentiert die Spaltung und das Scheitern der Partei. Der Front National, der 2015 mit 17 Prozent noch drittstärkste Partei war, gilt hier dagegen als Aufsteiger, obwohl es in der Gegend kaum Ausländer gibt. Der Linksaußenkandidat Jean-Luc Mélenchon, dessen Anhänger im Stadtzentrum ein gut exponiertes Büro gemietet haben, gewinnt ebenfalls an Unterstützung, wie ein lokaler Vertreter berichtet.

          Amiens erlebte bereits 2014 ein soziales Drama

          Szenenwechsel: Auf dem Marsfeld hinter dem Eiffelturm in Paris, dort, wo sie ein Monument für die Erklärung der Menschenrechte von 1789 errichtet haben, demonstrierten am Dienstag die Arbeiter des amerikanischen Hausgeräteherstellers Whirlpool. Aus der nordfranzösischen Stadt Amiens sind sie gekommen, um gegen die angekündigte Schließung ihres Werkes mit seinen 290 Arbeitsplätzen zu protestieren.

          Die Herstellung von Wäschetrocknern soll nach Polen verlegt werden, wo die Arbeiter nach Angaben der französischen Gewerkschaften 2,90 Euro in der Stunde verdienen. „Das ist eine Riesensauerei. Wir haben mehr Flexibilität und mehrere Restrukturierungsrunden akzeptiert. Der Konzern versprach uns, dafür den Standort zu erhalten. Doch allein wegen der Rendite für die Aktionäre macht die amerikanische Muttergesellschaft jetzt dicht“, erzürnte sich Jean-Marc, ein Facharbeiter, Vater von zwei Kindern und Hausbesitzer mit einem Kredit, den er abzahlen muss.

          Nathalie Arthaud, erklärte Trotzkistin und eine der Kandidaten der Präsidentenwahl, schaute auch vorbei: „Wenn ich gewählt werde, würde ich als Erstes Entlassungen verbieten“, erklärt sie. Die Leute nicken, doch die meisten wissen, dass dies linksextreme Träumereien sind. Brigitte Fouré, Bürgermeisterin von Amiens und Vertreterin einer Zentrumspartei, zeigt mehr Realismus – aufgebracht ist sie jedoch auch. „Der Konzern springt mit den Beschäftigten um, als seien sie nur Nummern.“

          Frankreich : Endspurt um den Elysée-Palast

          Amiens hat schon 2014 ein soziales Drama erlebt, als Goodyear dort sein Reifenwerk schloss. Daran trugen auch die radikalen Gewerkschaften vor Ort eine Mitschuld, weil sie zu keinerlei Kompromissen bereit waren. Bürgermeisterin Fouré bezeichnet den lokalen Anführer der Gewerkschaft CGT bei Goodyear als einen „Verrückten“. Bei Whirlpool dagegen seien die Gewerkschaften verhandlungsbereit, doch auch dies zahle sich nicht aus, meint sie frustriert. Alle hoffen jetzt auf eine Übernahme des Werkes durch ein anderes Unternehmen.

          Bürgermeisterin hält zu Fillon

          Bei den Präsidentenwahlen hält die Bürgermeisterin von Amiens zu François Fillon, dem Kandidaten der Republikaner. Dass der Umfragefavorit Emmanuel Macron in Amiens aufgewachsen ist, stimmt sie nicht um. Wenn Macron in den zweiten Wahlgang gegen Marine Le Pen komme, werde sie jedoch nicht zögern, dem Sohn der Stadt ihre Stimme zu geben, wie sie verrät. Die Lokalpolitikerin will indes nicht nur schwarzmalen. Sie berichtet von wachsenden Studentenzahlen in ihrer Stadt und von einem besonderen Standorterfolg: „Amazon hat im Herbst angekündigt, bei uns auf einer Fläche von 100 000 Quadratmetern ein neues Verteilzentrum zu bauen. In zwei bis drei Jahren sollen dort 500 Arbeitsplätze entstehen.“

          Dies führt zum nächsten Szenenwechsel. Er beleuchtet, welch tiefe Gräben sich 2017 durch Frankreich ziehen. Neben dem Gare d’Austerlitz in Paris wird seit Monaten eine alte Eisenbahnhalle ausgebaut. Wo früher Güterzüge be- und entladen wurden, soll hier bald nur noch eine immaterielle Fracht hin und her geschoben werden – Ideen von Gründerunternehmen. In der ehemaligen „Halle Freyssinet“ entsteht nach Angaben der Organisatoren das größte Start-up-Zentrum der Welt in der Form eines einzigen Inkubators unter einem Dach. Nicht weniger als eintausend Unternehmen sollen in der Halle Platz finden, wenn sie wie geplant in wenigen Wochen eröffnet wird.

          Die „Station F“, so der neue Name, ist bei weitem nicht die einzige derartige Fördereinrichtung in Paris. Die französische Hauptstadt hat sich zu einem großen Zentrum für Gründerunternehmen gemausert. „Das Silicon Valley ist heute sehr teuer, und durch den Brexit haben wir viele Anfragen aus London“, berichtet die 32 Jahre alte Roxanne Varza, die Mieter in die „Station F“ locken soll. Die in Paolo Alto aufgewachsene Frau mit iranischen Wurzeln spricht voller Bewunderung über die französische Start-up-Szene. „Da ist viel Dynamik drin. Und mit Emmanuel Macron hat sie einen wichtigen Fürsprecher. Das weckt das Interesse an Paris und an Frankreich – auch aus Deutschland“, berichtet Varza. Vor ihrem jetzigen Job suchte die junge Frau für Microsoft Unternehmertalente. Kürzlich tat sie einen Schritt, der mehr als symbolisch ist: Sie beantragte die französische Staatsangehörigkeit. Wählen kann sie am kommenden Sonntag noch nicht, doch es besteht kein Zweifel, wem ihre Sympathie gilt.

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