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Thilo Sarrazin : Was treibt diesen Mann?

  • -Aktualisiert am

War das die Sache wert? Dazu sagt Thilo Sarrazin jetzt nichts Bild: ddp

Er will die Welt nach seiner Vorstellung gestalten. Das klingt nach viel Selbstvertrauen und noch mehr Arroganz. Was treibt Thilo Sarrazin dazu, ein Jahr nachdem sein Interview über Kopftuchmädchen riesigen Wirbel erzeugte, wieder in die Öffentlichkeit zu treten?

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          Wahrscheinlich tragen Lehrer einen großen Teil der Verantwortung dafür, dass das Leben von Thilo Sarrazin aus den Fugen geraten ist. Seine Frau, Ursula Sarrazin, ist Grundschullehrerin, und wie alle Lehrer befreundet mit anderen Lehrern. Lehrer laden einander zum Essen ein, fahren gemeinsam in Urlaub, sitzen an Sommerabenden auf der Terrasse ihrer Reihenhäuser und im Winter gemütlich am Kamin, vor dem Klavier und den hohen Bücherregalen mit Fontane und Updike.

          Und dann reden die Lehrer über die Schule. Über Tanja aus Kiew, die brillant in Mathematik und Musik ist, über die fleißigen vietnamesischen Jungs und ihre ehrgeizigen Eltern und über die Sorgenkinder aus Marokko, Syrien und der Türkei. Sie stellen Vermutungen an, warum sich manche Kinder durchbeißen und warum andere einfach scheitern.

          „Hier muss sich niemand integrieren“

          Wie „Osmose“ sei es gewesen, sagt Thilo Sarrazin: Immer wieder waberten die privaten, gefühlsgesteuerten Kamingespräche, diese auf anekdotischer Evidenz basierenden Theorien in seinen Beruf hinein. Sie fielen ihm ein, als er im Bonner Bundesfinanzministerium vom Geburtenrückgang hörte. Als er im Mainzer Finanzministerium einen Fonds für die Pensionsansprüche der alternden Beamten austüftelte. Und als er als Finanzsenator in Berlin im Dienstwagen durch Wedding oder Kreuzberg gefahren wurde.

          „Ich musste ihn gelegentlich daran erinnern, dass er die Währungsunion nicht allein konzipiert und umgesetzt hat”, sagt sein Förderer Theo Waigel über Thilo Sarrazin
          „Ich musste ihn gelegentlich daran erinnern, dass er die Währungsunion nicht allein konzipiert und umgesetzt hat”, sagt sein Förderer Theo Waigel über Thilo Sarrazin : Bild: AP

          „Als Ökonom habe ich lange Zeit an einen Integrationsautomatismus geglaubt – der Markt werde es richten“, sagt Sarrazin. „Dann merkte ich, dass diese Betrachtung die falschen Anreizstrukturen unseres Sozialstaats völlig ignoriert. Hier muss sich niemand integrieren.“

          Kosten, Nutzen und Risiken der Veröffentlichung

          Anekdoten und Indizien häuften sich, ein Bauchgefühl meldete sich, das Bauchgefühl wurde zur nagenden Sorge, die Sorge mündete in den Entschluss, die gefühlte Wahrheit statistisch zu untermauern, Lösungen zu finden. Und die Analyse zu veröffentlichen, um jeden Preis. „Deutschland schafft sich ab“ – eine stramme These für einen Bundesbankvorstand mit den Ressorts Risiko-Controlling, Informationstechnologie und Revision.

          Über die Vorabdrucke für sein Buch, die Wahl der richtigen Medien, die Talkshow-Auftritte und Lesungen hat sich Sarrazin viele Gedanken gemacht. Auch die Kosten, Nutzen und Risiken der Veröffentlichung hat der Ökonom abgewogen. Jetzt ist ihm nicht nur die Präsentation entglitten, er muss seine ganze Prognose korrigieren, wie die Ökonomen in der Finanzkrise ihre Konjunkturprognosen.

          War es die Sache wert?

          Dass sein Buch alle Bestsellerlisten stürmt und nach fünf Tagen schon die sechste Auflage im Druck ist, hat Sarrazin nicht einkalkuliert. Ebenso wenig, dass der Bundesbank-Vorstand einstimmig seine Abberufung fordern würde, dass die Kanzlerin sich gegen ihn stellt, sogar auch der Bundespräsident, ganz unverblümt mehrere Minister, der Zentralrat der Juden und all die Gestalten, die sein Buch mal gelesen haben, mal nicht und mal nur teilweise.

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