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Textilien aus Asien : Die Kleider-Karawane

Die Arbeiterinnen fordern höhere Löhne. Bild: dpa

Die Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern in Asien sind nicht gut. Die deutsche Modeindustrie will das ändern, sagt sie. Doch die Arbeiter haben davon wenig. Wenn ein Land in die Schlagzeilen gerät, ziehen viele Firmen schlicht ins nächste.

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          Nach den Katastrophen in asiatischen Textilfabriken lassen mehrere deutsche Hersteller die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferer überprüfen. Etwa ein Drittel der 360 deutschen Bekleidungshersteller hätten die Überprüfung ihrer Produzenten durch unabhängige Organisationen veranlasst, berichtete der Industrieverband German Fashion am Montag in Düsseldorf. Auch eigenes direktes Engagement in den Produktionsbetrieben sei sehr verbreitet, sagte German Fashion-Geschäftsführer Thomas Rasch. Der Verband vertritt vor allem mittelständische Betriebe, die zwar im Ausland, jedoch nicht im Billigsektor, fertigen lassen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          In ganz Südasien werden die Auseinandersetzungen in der Stoff- und Textilindustrie härter: Die Arbeiterinnen fordern höhere Löhne und ansatzweise Sozialleistungen. Die Industrie reagiert oft mit kosmetischen Veränderungen und verweist auf die Regierungen, die den Mindestlohn anheben sollten. In Ländern wie Indien, Bangladesch, Kambodscha oder Burma aber sind die Politiker oft Besitzer von Textilfabriken, oder aber deren Besitzer sind wichtige Spender für die Parteien. Je nach Stimmungslage im Westen verschieben große Markenhersteller ihre Aufträge rasch von einem Land ins andere. Derzeit steht vor allem das Streik-geschüttelte Kambodscha im Fokus - die Industrie dort fürchtet schon, Aufträge zu verlieren.

          Immer wieder kommt es zu Verstümmelungen an den Maschinen

          Der Vorsitzende des kambodschanischen Herstellerverbandes, Sou Ieng, warnt beispielsweise, die ausländischen Modekonzerne zögen nach den Streiks Konsequenzen. Zwar habe etwa Hennes & Mauritz (H&M) zugestimmt, mehr für die bestellte Ware zu zahlen. Dennoch werde es zu einem „dramatischen Rückgang“ der Bestellungen und damit der Erlöse kommen: „Wir könnten das nächste Jahr überleben, wenn die Einkäufer weiterhin dieselbe Menge Bestellungen abgäben, was ich aber bezweifele, und wenn sie, wie H&M, zugleich mehr zahlten. In Wirklichkeit aber werden sie das nicht tun. Wir erwarten einen Rückgang der Bestellungen von 20 bis 30 Prozent. Einige Einkäufer werden die Preise zudem drücken, weil sie sagen, sie tragen nun ein Risiko. Kambodscha ist ein Risikoland (für die Modeunternehmen, Anm. d. Redaktion).“

          Die dortige Regierung hat eine Steigerung des Mindestlohns um 25 Prozent auf 100 Dollar im Monat ab Februar angeboten. Im Textilland Bangladesch hatten die Arbeiterinnen im Spätherbst einen Mindestlohn von 70 Dollar zugesagt bekommen, nachdem es zu gewaltsamen Streiks gekommen war. Druck auf die Löhne entsteht auch durch die Öffnung im benachbarten Burma (Myanmar), wo sie derzeit nur bei gut 30 Euro monatlich liegen, noch aber eine funktionierende Infrastruktur fehlt.

          In Südindien zahlen die Unternehmen den Arbeiterinnen in den Spinnereien rund 72 Dollar im Monat – 20 Prozent unter dem vereinbarten Mindestlohn. Oft müssen die jungen Frauen dafür zwei Zwölfstundenschichten nacheinander fahren. Aufgrund der völligen Erschöpfung kommt das immer wieder zu Verstümmelungen an den Maschinen. Zum Vergleich: Die internationale Armutsgrenze liegt bei 2 Dollar täglich.

          Der Lohn reicht nicht zum Überleben

          In Bangladesch lässt allein H&M mehr als eine halbe Million Menschen für sich arbeiten. Das Land zählt mehr als 5000 Textilfabriken. Innerhalb weniger Jahre ist das Armenhaus der Region damit zum zweitgrößten Exporteur von Kleidung aufgestiegen – größer ist nur noch Chinas Textilbranche. Nicht nur Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen aber erklären, die bis zum vergangenen Jahr gezahlten 3000 Taka (29 Euro) Mindestlohn im Monat reichten auch in einem Land, in dem die Hälfte der Menschen mit weniger als einem Dollar täglich leben müssen, nicht zum Überleben. Vor allem dann, wenn die lokalen Lohnfertiger in Indien oder Bangladesch immer wieder über Monate gar keinen Lohn auszahlen, oder die Mädchen um einen Teil der zugesagten Prämie am Ende des Arbeitsvertrages prellen. Zumal die Inflation von 8 Prozent immer mehr des kargen Lohnes frisst.

          Die Sozialstandards werden auf breiter Fläche unterschritten. „Viele Arbeiter sind gezwungen, 14 bis 16 Stunden an sieben Tagen die Woche zu arbeiten. Einige beenden ihre Schicht um 3 Uhr morgens und fangen um 7.30 wieder an. Darüber hinaus arbeiten sie unter unsicheren, eingeengten und gefährlichen Bedingungen, die oft zu Feuern in den Fabriken führen. Sexuelle Belästigung und Diskriminierung sind weit verbreitet und viele Arbeiterinnen berichten, dass ihnen das Recht auf Mutterschaftszeit versagt werde“, kritisiert die britische Menschenrechtsorganisation War on Want. In Bangladesch wurden Gewerkschaftsführer ermordet, in Kambodscha lässt die Regierung unter Zustimmung der Manager auf Demonstranten schießen, in Indien ermittelt die Polizei gegen Journalisten, die sich dem Thema nähern.

          Die deutsche Bekleidungsindustrie erwirtschaftete 2013 einen Umsatz von rund zwölf Milliarden Euro - 2,4 Prozent mehr als 2012. Die Nähtische standen vor allem in China, Bangladesch und der Türkei.

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