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Teilzeitarbeit : Die 30-Stunden-Woche hat Konjunktur

Brigitte Pothmer (Grüne) sieht Mini-Jobs als „Niedriglohnfalle“. Bild: dpa

Immer mehr Deutsche arbeiten Teilzeit, unter ihnen wesentlich mehr Frauen als Männer. Doch nicht alle tun es freiwillig: Vor allem Minijobber wollen mehr leisten. Bisher kommt ihnen die große Koalition wenig entgegen.

          Der Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt ist vor allem ein Aufschwung der Teilzeitarbeit. Allein in den Jahren 2004 bis 2013 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen mit Wochenarbeitszeiten von unter 35 Stunden um 2,4 Millionen auf mehr als 10,7 Millionen erhöht. Damit entfallen rechnerisch mehr als drei Viertel aller in diesem Zeitraum aufgebauten Arbeitsplätze auf Teilzeitarbeit. Insgesamt hat sich der Anteil der Teilzeitstellen an allen Stellen damit von 24 auf 28 Prozent erhöht. Das zeigt die Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Besonders kräftig ist dabei interessanterweise die Verbreitung sogenannter längerer Teilzeitarbeit gewachsen: Allein gut drei Millionen Erwerbstätige, unter ihnen knapp 2,6 Millionen Frauen, hatten 2013 Wochenarbeitszeiten zwischen 25 und 35 Stunden. Das ist ein Anstieg um mehr als eine Million oder mehr als 50 Prozent seit 2004. Die Gesamtzahl der Teilzeitbeschäftigten erhöhte sich im gleichen Zeitraum um etwas mehr als ein Viertel. Auch wenn Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) mit ihren Vorstößen für eine staatlich geförderte „Familienarbeitszeit“ – eine Teilzeit von 30 bis 32 Stunden für Eltern mit Kleinkindern – bisher in der Regierung keinen Rückhalt findet, erfreuen sich solche Zeitmodelle in der Praxis also schon steigender Beliebtheit.

          Minjobs fördern lebenslange Abhängigkeit von Transferleistungen

          Der Aufschwung der Teilzeitbeschäftigung hat allerdings auch eine Schattenseite, wie die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Brigitte Pothmer, hervorhebt: Überproportional stark ist zugleich auch die Zahl der Erwerbstätigen mit Wochenarbeitszeiten von weniger als 15 Stunden gestiegen – und Befragungen zeigen, dass sich viele dieser Teilzeitkräfte vergeblich um eine längere Arbeitszeit bemühen.

          Dies sei schon deshalb ein Ärgernis, weil damit „erhebliche Potentiale zur Sicherung des Fachkräftebedarfs brachliegen“, urteilt Pothmer mit Blick auf die kommende Bundestagssitzung: Am Donnerstag stellt dort Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ihren „Fortschrittsbericht Fachkräftesicherung“ zur Debatte. Das „Ärgernis Nummer eins“ seien allerdings die Minijobs, kritisierte Pothmer: Sie seien „eine Niedriglohnfalle, die die lebenslange ökonomische Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern oder von staatlichen Transferleistungen fördert“.

          Kommt der Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeit?

          Die vom Ministerium vorgelegte Sonderauswertung des Statistikamts Eurostat zeigt, dass im Jahr 2013 fast 3,2 Millionen Teilzeitkräfte weniger als 15 Stunden je Woche arbeiteten, also im Umfang eines Minijobs; das waren 560.000 mehr als 2004. Allein 2,4 Millionen dieser Teilzeitkräfte waren Frauen, 300.000 mehr als 2004. Tatsächlich ist in Deutschland die „kleine Teilzeit“ nach wie vor stärker verbreitet als anderswo: Während hier 36 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen unter 15 Stunden arbeiten, sind es im EU-Durchschnitt nur 28 Prozent. Laut einer vom Ministerium zitierten Studie geben 55 Prozent der Minijobber an, dass sie gerne mehr arbeiten würden – im Durchschnitt sechs Stunden mehr je Woche. Auch unter den anderen Teilzeitkräften wünschen sich 40 Prozent eine zumindest etwas längere Arbeitszeit.

          Vor diesem Hintergrund bekräftigt das Ministerium den Plan der großen Koalition, Teilzeitkräften einen Rechtsanspruch gegenüber ihrem Betrieb auf eine Rückkehr in Vollzeit zu verschaffen; einen Termin nennt es aber nicht. Die Grünen-Arbeitsmarktpolitikerin Pothmer wertet dies als Beleg dafür, dass Nahles „keinen Ehrgeiz“ habe. Das gelte erst recht für das Thema Minijobs, obwohl die SPD vor zwei Jahren noch gegen Minijobs gewettert habe.

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