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Tausende Stellen in Gefahr : Britische Stahlindustrie kämpft ums Überleben

Greift die britische Regierung ein? Ausgeschlossen scheint das nicht. Bild: dpa

15.000 britische Stahlarbeiter bangen um ihre Jobs. Vielleicht greift sogar der Staat ein. Und warum schießt Thyssens Aktienkurs nach oben?

          3 Min.

          Es ist ein schwarzer Tag für Großbritanniens Stahlarbeiter: Nach milliardenschweren Verlusten zieht der indische Investor Tata die Notbremse und will sein gesamtes Stahlgeschäft auf der Insel verkaufen – wenn sich denn in der von Überkapazitäten gebeutelten Branche ein Interessent findet.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit steht die Zukunft von 15.000 der insgesamt knapp 20.000 Arbeitsplätzen in der britischen Stahlindustrie auf dem Spiel. Bereits in den vergangenen Monaten haben Tata und andere Unternehmen in den Stahlwerken auf der Insel Tausende von Stellen gestrichen.

          Rufe nach Verstaatlichung

          Der indische Eigentümer lässt keinen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist: „Es geht nicht darum, ob das Gebot hoch oder niedrig ist. Es geht darum, ob jemand bereit ist, das Unternehmen zu kaufen“, sagte der Tata-Manager Koushik Chatterjee im Rundfunksender BBC.

          Die Gewerkschaften sind schon froh, dass Tata überhaupt bereit ist, nach einem Interessenten zu suchen. „Unsere schlimmsten Befürchtungen, dass Tata heute Werksschließungen ankündigen würde, haben sich nicht bewahrheitet“, sagte Roy Rickhuss, der Chef der Gewerkschaft Community. Die Inder stünden nun in der Verantwortung, genug Zeit für die schwierige Suche nach einem Käufer einzuräumen.

          An den europäischen Aktienbörsen stiegen an diesem Mittwoch die Kurse von Stahlherstellern: Die Notierung des deutschen Tata-Rivalen Thyssen legte im Handelsverlauf um mehr als 8 Prozent zu. Analysten hatten zuvor über einen Schulterschluss mit Tata Steel spekuliert. Auch die Aktienkurse des Weltmarktführers Arcelor-Mittal und von Salzgitter zogen an. Zugleich kündigte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) politische Unterstützung für die kriselnde Branche an: „Überkapazitäten im Stahlsektor Chinas dürfen nicht zulasten der EU-Hersteller gehen“, erklärte sein Ministerium. Die chinesischen Stahlexporte sind 2015 um ein Fünftel auf den Rekordwert von 112 Millionen Tonnen gestiegen.

          In London werden derweil schon Rufe nach einer Verstaatlichung der Stahlwerke laut. Zumindest eine zeitweilige Übernahme schließt die konservative Regierung von Premierminister David Cameron nicht aus. „Wir schauen uns alle Optionen an und ich meine wirklich alle“, sagte die Wirtschaftsstaatssekretärin Anna Soubry.

          Allerdings setzten die EU-Regeln für staatliche Beihilfen der Regierung Grenzen, schränkte sie ein. Eine teilweise oder vollständige Verstaatlichung wäre eine wirtschaftspolitische Rolle Rückwärts: In den achtziger Jahre hatte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher zahlreiche staatseigene Unternehmen privatisiert – darunter auch die Stahlwerke.

          Tata Steel beschäftigt allein im größten britischen Stahlwerk, im walisischen Port Talbot, rund 5500 Mitarbeiter. Die Fabrik dort schreibt angeblich einen Verlust von umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro am Tag. Tata Steel ist eine der großen Tochtergesellschaften des Konglomerats Tata. Das Geschäft leidet jedoch unter der chinesischen Konkurrenz und hohen Kosten. Tata Steel hatte im Jahr 2007 für rund 12 Milliarden Dollar (10,6 Milliarden Euro) den britisch-niederländischen Stahlhersteller Corus übernommen. Seitdem verfügt Tata Steel Europe über Standorte in Großbritannien und in den Niederlanden.

          Mit dem Zukauf wollte Tata die 38 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Arcelor SA durch den ebenfalls indischen Stahlkonzern Mittal Steel Co kontern. Das aber hat nie funktioniert. Von der Gesamtkapazität von 18 Millionen Tonnen jährlich in Europa nutzt Tata Steel inzwischen nur noch 14 Millionen Tonnen. In den vergangenen fünf Jahren hat Tata fast 4 Milliarden Dollar auf sein britisches Stahlgeschäft abgeschrieben. Im Februar veröffentlichte Tata Steel einen Verlust von 21,3 Milliarden Rupien (285 Millionen Euro) für das dritte Quartal des Geschäftsjahres, nach einem Überschuss von 1,57 Milliarden Rupien im Vergleichsquartal des Vorjahres.

          Greift der Staat ein?

          Am Dienstag hatte sich am Unternehmenssitz in Bombay (Mumbai) der Verwaltungsrat von Tata Steel getroffen und seinen europäischen Arm angewiesen, alle Varianten zu prüfen, die ständigen Verluste bald zu verringern. „Während der weltweite Stahlmarkt insbesondere in den entwickelten Märkten wie Europa seit der Finanzkrise 2008 schwach bleibt, haben sich die Bedingungen in Großbritannien und Europa in letzter Zeit noch einmal verschlechtert. Dies liegt an strukturellen Faktoren, einschließlich des weltweiten Überangebotes, einer deutlichen Zunahme des Exports durch Drittländer nach Europa, hohen Herstellungskosten, einer anhaltenden Nachfrageschwäche in den europäischen Märkten und einer schwankenden Währung“, heißt es in der Erklärung des Unternehmens.

          Angesichts der Bodenschatzkrise wird es für Tata sehr schwer werden, einen Käufer zu finden. Seit mehr als einem Jahr stehen die Inder mit dem Investor Greybull Capital im Gespräch über den Verkauf ihres Baustahl-Geschäftes in Großbritannien und verhandeln weiter, obwohl sie nun am liebsten das Gesamtgeschäft schnell abgeben würden. Noch ist völlig offen, in welchem Maße die britische Regierung Tata unterstützen wird. Gerade erst einigte sich Tata über den Verkauf von zwei schottischen Fabriken an die dortige Regierung, die sie dann an einen privaten Investor weiterreichen will. Die Inder sprechen seit langem mit den Politikern.

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