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Tarifkonflikt : „6,5 Prozent verkraftet die Metallindustrie locker“

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Jürgen Peters: „Mit niedrigen Löhnen lassen wir uns nicht abspeisen” Bild: Wolfgang Eilmes

Der Vorsitzende der IG Metall Jürgen Peters hat Lohnforderungen in Höhe von 6,5 Prozent verteidigt. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über den Kampfesmut der Belegschaften, satte Boni der Manager und schmuddelige Zeitarbeiter.

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          Der Vorsitzende der IG Metall Jürgen Peters hat Lohnforderungen in Höhe von 6,5 Prozent verteidigt. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über den Kampfesmut der Belegschaften, satte Boni der Manager und schmuddelige Zeitarbeiter.

          Herr Peters, es gibt wieder Arbeit in Deutschland. Wie erklären Sie sich das?
          Die Konjunktur läuft hervorragend. Sie läuft sogar so gut wie noch nie in den letzten Jahren. Ich hoffe jedoch sehr, dass dieser Aufschwung, lange herbeigesehnt, auch nachhaltig sein wird.

          Haben Sie Zweifel?
          Ja. Solange dieser Aufschwung sich zu großen Teilen nur durch die Außenwirtschaft speist, bleibt das alles ziemlich anfällig Die Achillesferse ist und bleibt die Binnennachfrage.

          Wir ahnen, wohin der Hase läuft: Erst wenn die Löhne wieder ordentlich steigen, stabilisiert sich über die Binnennachfrage die Konjunktur.
          Das würde ich nicht ironisieren. Im Ernst: Jede Erschütterung in der Außenwirtschaft schlägt auf Deutschland natürlich negativ durch. Solange die Binnennachfrage nicht stabil genug ist, bleiben Risiken.

          Den Gedanken, dass die Lohnzurückhaltung der deutschen Arbeitnehmer mehr Arbeitsplätze geschaffen haben könnte, dürfen Sie auf keinen Fall denken?
          Hätten Sie recht, müssten wir uns jeweils zehn Jahre in Lohnzurückhaltung üben, damit die Konjunktur sich bessert. Eine solche Ökonomie zu entwickeln ist schon sehr vermessen.

          Also haben die deutschen Gewerkschaften keinen Anteil daran, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Schade.
          Darum geht es gar nicht. Wir sind seit Jahren Exportweltmeister, und doch hat dies nicht ausgereicht, die Konjunktur zu stärken. Jetzt war einfach ein Punkt erreicht, an dem die Unternehmen genötigt waren, wieder mehr zu investieren, weil sie sonst international nicht mehr hätten mithalten können. Denken Sie an den Maschinenbau, die Elektroindustrie oder die Stahlindustrie.

          Morgen wird die IG Metall also 6,5 Prozent mehr Lohn fordern. Ist das nicht eigentlich zu wenig aus Ihrer Sicht?
          Es gibt durchaus Stimmen bei uns, die 6,5 Prozent zu wenig finden. Gewiss, wir könnten die für uns günstige Situation jetzt ausnutzen, so wie es viele in der Marktwirtschaft für üblich halten. Aber die IG Metall hat sich immer ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung gestellt.

          Also sind 6,5 Prozent bescheiden?
          Wir errechnen die Summe aus gesamtwirtschaftlicher Produktivität und Preissteigerung. Weil aber die Metallwirtschaft weit produktiver ist als die Gesamtwirtschaft, ist es auch recht und billig, darauf noch eine Umverteilungskomponente aufzuschlagen. Das kann die Metallindustrie locker verkraften.

          Wie hart wird diese Tarifrunde werden?
          Das kann man jetzt noch nicht richtig einschätzen. Ich hoffe nur, dass wir von den Ritualen wegkommen und die Arbeitgeber bald ein ordentliches Angebot präsentieren.

          Arbeitgeberpräsident Martin Kannegießer warnt, die Tarifrunde könne sich zuspitzen. Denkt er an Arbeitskampf?
          Jeder muss darüber nachdenken, was passiert, wenn am Verhandlungstisch die Argumente nicht ausreichen. Auch wenn wir die öffentliche Meinung und Experten derzeit stark auf unserer Seite wissen und gute Argumente haben, sind wir präpariert, im Zweifel auch in den Konflikt zu ziehen.

          Und trotzdem werden Ihre Leute am Ende enttäuscht sein, wenn sie das Tarifergebnis sehen?
          Das wird sich noch zeigen. Das hängt auch davon ab, inwieweit die Leute bereit sind, sich für die Durchsetzung ihrer Forderungen zu engagieren. Da bin ich zuversichtlich. Aber, ein Spaziergang wird diese Tarifrunde nicht.

          Wo liegt die Erwartungshaltung. Eine Drei vor dem Komma ist zu wenig?
          Dazu sage ich jetzt nichts. Wir führen ja hier keine Tarifverhandlung. Aber sicher ist: Die Betriebe machen aus ihren Gewinnen keinen Hehl. Und natürlich prägt das auch die Erwartungshaltung der Beschäftigten, wenn die Manager satte Boni einstreichen und sich einige Vorstände die Gehälter um 30 Prozent erhöhen wollen.

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