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Tarifauseinandersetzungen : Deutsche Wirtschaft klagt über Verlust ihrer Streikfähigkeit

  • Aktualisiert am

Arbeitsgruppe auf Spitzenebene: DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Wirtschaft ist laut DIHK überzogenen Forderungen der Gewerkschaften hilflos ausgesetzt. Schlechte Tarifabschlüsse zwängen Unternehmen zur Auslagerung von Arbeitsplätzen, obwohl nach einer Studie vier von zehn Auslandsprojekten im Inland laufen könnten.

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          Die deutsche Wirtschaft ist überzogenen Forderungen der Gewerkschaften hilflos ausgesetzt. Diese Ansicht vertritt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nach dem jüngsten Abschluß in der Metallindustrie.

          "Die großen Metallunternehmen sind nicht streikfähig", sagte der DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun am Dienstag abend in Berlin. Nach seinen Worten kann sich die gesamte deutsche Wirtschaft nicht mehr wehren. Grund ist nach Brauns Einschätzung die gewachsene internationale Verflechtung. Die großen Unternehmen seien verpflichtet, zu festen Zeitpunkten zu liefern. Sie könnten es nicht auf einen Streik ankommen lassen, weil sie dann das Risiko von Vertragsstrafen, Klagen, Auslistungen eingingen.

          Braun plädiert für „bescheidene Mehrarbeit“

          Die IG Metall hatte jüngst Lohnerhöhungen von 3 Prozent durchgesetzt. Der Chefvolkswirt des Spitzenverbandes der Kammerorganisation, Axel Nitschke, erläuterte, welche Konsequenzen es hat, wenn die Unternehmen gezwungen sind, Abschlüssen zuzustimmen, die sie sich eigentlich nicht leisten können: "Man reagiert auf die überhöhten Arbeitskosten, indem man international ausweicht."

          Nach Ansicht Brauns kommt zur fehlenden Möglichkeit, sich in den Tarifverhandlungen durchzusetzen, das inflexible Arbeitsrecht als weitere Belastung hinzu. Zusammen sei das eine "katastrophale Situation". Es verlange künftig ein anderes Zusammenwirken von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Der DIHK-Präsident machte einen Vorschlag, wie sich die sich aus Sicht der Unternehmen schwierige Lage verbessern läßt: "Mit bescheidener Mehrarbeit lassen sich die hohen Lohnkosten in Deutschland weitgehend ausgleichen."

          Vier von zehn Auslandsprojekten könnten im Inland laufen

          Doch noch reagieren viele Unternehmen auf die Schwierigkeiten im eigenen Land, indem sie im Ausland investieren. Dieses Bild vermittelt auch die aktuelle DIHK-Umfrage bei den Industrie- und Handelskammern, die Braun vorstellte. Danach könnten vier von zehn Auslandsprojekten auch im Inland durchgeführt werden. Die anderen dienen der Markterschließung. Die Befragung der etwa 7000 Unternehmen läßt Auslandsinvestitionen von mehr als 40 Milliarden Euro in diesem Jahr erwarten, wie Braun berichtete. Er nannte es bedauerlich, daß Investitionen, die auch in Deutschland möglich seien, im Ausland für einen Beschäftigungsschub sorgten. Nach Schätzung des DIHK geht es um 50 000 Arbeitsplätze, die in Deutschland nicht entstehen, weil ein zu starres Arbeits- und Tarifrecht sowie bürokratische Lasten Investitionen im Inland verhindern. Wie Braun hervorhob, halten Familienunternehmen stärker als Publikumsgesellschaften am deutschen Standort fest. Daher sei es so bedeutsam, daß es zur Reform des Erbschaftsteuerrechts komme, so daß diese Steuerlast für sie wegfalle, wenn der Betrieb fortgeführt werde. Die schwarz-rote Bundesregierung hat dies in ihrem Koalitionsvertrag vorgesehen.

          Nach der Umfrage wollen 43 Prozent der Unternehmen, die Auslandinvestitionspläne haben, ihre Budgets dafür im Vergleich zum Vorjahr aufstocken, 47 Prozent diese konstant halten und nur 10 Prozent sie reduzieren. Der Saldo aus "höher" und "niedriger" beträgt damit 33 Prozentpunkte. "Die Auslandsinvestitionspläne der deutschen Industrieunternehmen übertreffen damit sogar ihren Rekordwert vom Vorjahr um 3 Prozentpunkte", heißt es in dem Papier. Zwar steht China weiterhin hoch im Kurs, aber die höchsten Zuwächse an Investitionsprojekten gibt es in den Ländergruppen Asien ohne China sowie Rußland, Ukraine und EU-Beitrittsländer. Allein in Mittel- und Osteuropa sollen deutsche Unternehmen rund 50 Milliarden Euro investiert haben.

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