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Loreley : Wie man einen Mythos verkauft

Region der Kontraste: Der Tourismus in Deutschland floriert, aber die Besucherzahlen rund um den Loreleyfelsen im Mittelrheintal sinken. Bild: dpa

Am weltberühmten Felsen der Loreley scheitern die Anrainer seit Jahren mit der Vermarktung. Zu viel Siff und zuviel Eigenbrödelei sei schuld, sagt ein Politiker einer jungen Bloggerin und alle sind plötzlich ganz aufgeregt.

          Brote kommen im Masterplan nicht vor. Genauer gesagt: belegte Brote als Proviant für Wanderer. Dass die ein Problem werden könnten, hätte Michael Martin nicht gedacht. „Können wir uns morgen früh Brote schmieren? Wir bezahlen selbstverständlich!“, hatte der Hamburger Architekt die Wirtin eines Hotels in St. Goarshausen gefragt.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Am Vorabend hatte er mit einer Wandergruppe eingecheckt, die Stimmung war bestens, bei fest gebuchten Wanderreisen auf dem Rheinsteig sei das mit dem Proviant üblich. Aber die Frau sagte nein. „Das hätten Sie gestern Abend ankündigen müssen.“ Dass die Bäckerei nur zwei Häuser weit weg war und sich nur eine Handvoll Gäste im Frühstücksraum verloren, spielte keine Rolle.

          Dass es in der Bäckerei später zwar Brezeln und Butter gab, aber keine Butterbrezeln, und dass in der zweiten Bäckerei im Ort dann zwar eine Brezel geschmiert wurde, aber ohne mit dem Gast auch nur ein Wort zu reden, all das habe in das Bild gepasst, sagt die mitreisende Fotografin Nicole Keller. So wie das Nichtraucherzimmer, in dem der kalte Rauch aus uralten Zeiten noch in jeder Ecke hing. Oder die drei unterschiedlichen Tapeten, mit denen die Behausung der Gäste notdürftig dekoriert war. Oder das Schild „Wenn Arbeit Spaß machen würde, dann wäre sie keine“ in der Apotheke. Oder der bemitleidenswerte Zugezogene im Nachbarort, der eine malerische Weinstube eröffnet hatte, mit Tischchen vor dem Haus und regionalen Spezialitäten, dessen Gäste von seinen Nachbarn aber mit einem Laken vor dem Balkon und dem Spruch „Nachtlärm ist grausam und macht krank“ begrüßt wurden. Sie hätten auf dieser Reise viel gelacht, sagt Keller.

          Laute Gäste unerwünscht

          So eine wunderschöne Gegend, aber so verschrobene Leute. Dass vieles im Loreley-Tourismus im Argen liegt, ist seit langem bekannt. Während das Geschäft mit dem Urlaub in Deutschland floriert, sind die Übernachtungszahlen im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal von 2000 bis 2010 um 4 Prozent gefallen. In einem umfangreichen Masterplan hat die rheinland-pfälzische Landesregierung mit den Anrainerkommunen schon 2012 ein Handlungskonzept entwickelt. Das, was die Hamburger Wanderer unlängst erlebt haben, heißt in der politischen Analyse: „noch unzureichend entwickeltes Dienstleistungsbewusstsein“.

          Zu einem ähnlich tristen Befund kommen die Anrainer-Gemeinden in einer Studie: Beratung und Qualifizierung seien vielerorts dringend erforderlich. Wie kann das sein? In einer derart schönen Region? Im wildromantischen Rheintal zwischen Burgen und Weinbergen, das im 19. Jahrhundert zum touristischen Anziehungspunkt für Künstler und Könige wurde, hundertfach beschrieben, hundertfach gemalt. Eine Gegend, die mit Rheinromantik und Loreley wuchern könnte, mit Steillagen-Weinen und Wanderwegen. Wie kann ein solches von der Unesco zum Weltkulturerbe geadeltes Tal in einer von Landlust und Natursehnsucht geprägten Zeit keinen Nutzen daraus ziehen?

          Vergilbte Speisekarten und verrammelte Fenster

          Die Antworten sind vielfältig. Seit Jahren zieht die Jugend aus der Region weg, die malerischen Orte vergreisen. Statt sich täglich zur Arbeit nach Mainz, Koblenz oder Frankfurt zu quälen, entscheiden sich viele für einen Umzug. Häuser stehen leer, Gewerbetreibende ziehen weg. Die Touristen kommen, aber sie bleiben nicht. Im Schnitt keine zwei Tage. Natürlich gibt es engagierte Gastronomen und Hoteliers, aber an vielen Orten bestimmen vergilbte Speisekarten in rostigen Glasvitrinen, verstaubte Kegelbahnen und verrammelte Fenster das Bild. Der Tourismus ist in den Tagen steckengeblieben, in denen Gäste noch Fremde hießen und im Fremdenverkehrsamt zu warten hatten.

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