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Tabaksteuer : Rauchen ohne Eichel

Ausverkauft: Zigaretten zu alten Preisen Bild: dpa

Berlin hat die Zigaretten zu teuer gemacht. Die Raucher paffen schwarz. In Ostdeutschland schon jeder dritte.

          3 Min.

          An drastischen Warnungen vor dem Rauchen hat es noch nie gemangelt. Auch nicht am Erfindungsgeist des Staates, von der Tabaksucht seiner Bürger zu profitieren. "Legt also, liebe Mitbürger, endlich diese Tollheit ab", forderte Jakob I., König der Engländer und Schotten, seine Landsleute einst zum Nichtrauchen auf. Und belegte den Tabakimport 1620 mit einem um das Vierzigfache erhöhten Einfuhrzoll. Jakob I. gilt als Erfinder der Tabaksteuer, einer Einnahmequelle, die dem Fiskus heute in vielen Ländern Milliardenbeträge zuspült.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In Deutschland hat Finanzminister Hans Eichel mehrfach an der Steuerschraube gedreht. Und sie jetzt wohl zu fest angezogen. "Die Tabaksteuereinnahmen werden deutlich zurückgehen", erwartet Ernst Brückner, Hauptgeschäftsführer beim Verband der Cigarettenindustrie (VdC). "Das hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben."

          "Rauchen für die Mütter“

          Seit März müssen Raucher rund 40 Cent mehr für die Schachtel zahlen. Eine Zigarette kostet 1,2 Cent mehr, im Dezember und im Herbst 2005 erhöht sich der Preis nochmals um je 1,2 Cent. Die herbeigesehnten Mehreinnahmen sollen für die Gesundheitsreform eingestrichen werden und Kassenleistungen wie das Mutterschaftsgeld finanzieren. "Rauchen für die Mütter", spotten Raucher. 2002 und 2003 wurden sie bereits mit zwei Steuererhöhungen um 1 Cent je Zigarette zur Kasse gebeten. Auf mindestens eine halbe Milliarde Euro beziffert Roland Berger die Mindereinnahmen des Staates allein in diesem Jahr. Grund: Die zu starken und zu schnellen Erhöhungen werden zu einem erheblichen Einbruch des legal versteuerten Zigarettenkonsums führen.

          Deutscher Zoll beschlagnahmt jährlich mehr als eine halbe Milliarde Zigaretten

          Am gestiegenen Gesundheitsbewußtsein liegt das nicht. Allen Warnungen auf den Zigarettenpackungen zum Trotz ("Rauchen in der Schwangerschaft schadet Ihrem Kind"), die seit Oktober die deutsche Tabakproduktverordnung vorschreibt: Es wird weiter geraucht. Nun aber verstärkt illegal. Deutsche Raucher, so fürchtet die Tabakindustrie, werden in großem Stil auf Schmuggelware umsteigen.

          Drehscheibe der Zigarettenkriminalität

          Mit großer Sorge beobachten Phillip Morris & Co. das stürmische Wachstum des grauen Marktes. Es ist abzulesen am Rückgang des legalen Zigarettenabsatzes um 9 Milliarden Stück auf 134,3 Milliarden Zigaretten im vergangenen Jahr. Und 2004 wird nach Branchenschätzungen die Schwelle von 120 Milliarden Zigaretten erstmals unterschritten. Dann wird der Staat trotz Steuererhöhung weniger einnehmen.

          "Heute sind schon ein Drittel der in den neuen Bundesländern gerauchten Zigaretten nicht in Deutschland versteuert", sagt Brückner. Doch der richtige Boom des grenzüberschreitenden Handels steht erst noch bevor, wenn im Mai die EU-Ost-Erweiterung kommt. Sachsen könnte zur Drehscheibe der Zigarettenkriminalität werden. Der deutsche Zoll beschlagnahmte bereits 2002 gut eine halbe Milliarde Zigaretten, die auf illegalem Weg eingeführt wurden.

          Kahlschlag

          In den osteuropäischen Nachbarländern sind Zigaretten auch legal deutlich billiger. Eine Packung Marlboro kostet in Deutschland seit März 3,60 Euro, in Polen und Tschechien dagegen nur die Hälfte. Im Grenzgebiet sind auf deutscher Seite kaum noch Tabakwareneinzelhändler zu finden. Der Bundesverband des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE) glaubt, daß wegen der Tabaksteuererhöhungen ein Kahlschlag im Fachhandel unausweichlich ist.

          Bis zu 20 000 Arbeitsplätze, so die BTWE-Schätzung, stehen auf dem Spiel. Besonders betroffen sind Kioske, die neben dem Zeitungsabsatz vom Getränke- und Zigarettenverkauf leben. Sorgte hier das Dosenpfand 2003 schon für erhebliche Verwerfungen, könnte die Tabaksteuer vielen Besitzern den Garaus machen. "Was Trittin übriggelassen hat, haut jetzt Eichel weg", beschwert sich ein Händler.

          Markentreue

          Viele Raucher, die nicht den Weg in die Illegalität gehen, werden auf Substitute umsteigen. Auf Feinschnitt oder Sticks. Billige Dreh- und Steckzigaretten verzeichnen hohe Zuwächse, ebenso die zigarettenähnlichen Billigzigarillos, die vom Gesetzgeber weniger stark besteuert werden. Auch die preiswerten Zigaretten des Handels nehmen den Marlboros und Lucky Strikes Marktanteile ab, zumal seit kurzem Aldi Süd Rauchware zum Kampfpreis anbietet. Das Billig-Label "Giants" liegt in den Aldi-Läden bei 2,50 Euro für 19 Zigaretten.

          Die großen Tabakkonzerne versuchen gegenzusteuern. So führt Reemtsma in diesen Tagen die preiswerte Marke "JPS red" bundesweit ein. Die Packung ist 40 Cent billiger als Reemtsmas Premiummarke Davidoff. "In Ostdeutschland ist JPS red gut angekommen", versichert ein Konzernsprecher. Bisher hat die Markentreue der Raucher das große Abwandern auf Billigzigaretten verhindert.

          Auch konnten die Markenhersteller mit Produkt- und Packungsvarianten die Billigkonkurrenz in Schach halten. Mit engen Werberestriktionen und dem geplanten Verbot der Zehnerpackung werden der Industrie die Hände gebunden. Der Preis kann in den Augen des Rauchers zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal werden. 4 Euro pro Packung gilt als Preisschwelle. So viel kosten ab Mitte März Automatenzigaretten. Wenigstens sind dann wieder 4 Zigaretten mehr in der - ganz legal erworbenen - Schachtel.

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