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Syrien : Überleben im Krieg

Straßenverkauf in Damaskus: Das Land stellt kaum noch etwas her, und Importware kostet immer mehr. Bild: Rainer Hermann

Der Bürgerkrieg in Syrien hat Fabriken, Schulen und Krankenhäuser zerstört. Der Gesamtschaden wird auf 60 bis 80 Milliarden Dollar geschätzt. Das Land zehrt noch von Rücklagen und überlebt dank der Solidarität seiner Bürger.

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          Seine Fabrik hat der Unternehmer Nadschi Ali Adib seit Anfang des Jahres nicht mehr gesehen. Sie liegt, wie die meisten Fabriken im Großraum Damaskus, am Rande der Hauptstadt, also dort, wo sich die syrische Armee und die bewaffneten Rebellen bekämpfen. Bisher hat Ali Adib Glück gehabt. Die Rebellen haben die beiden Fabriken neben seinem pharmazeutischen Betrieb bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Denn sie hatten auch Alawiten beschäftigt, Angehörige der Religionsgemeinschaft von Machthaber Baschar al Assad. Ali Adib weiß, dass er sich mit beiden gut stellen muss - mit dem Regime und mit den Rebellen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Seither ist der Betrieb von Ali Adib, neben den vielen kleinen Farmen, der einzige Arbeitgeber in diesem ländlichen Außenbezirk von Damaskus. Einige wohnen nahe genug an dem Gelände, so dass sie ohne zu große Gefahren jeden Tag an ihre Arbeitsstätte kommen können. Sie haben nur wenige Straßenkontrollen zu passieren, müssen sich nicht lange auf den gefährlichen Straßen aufhalten. Im Betrieb selbst läuft die Produktion mit Hilfe der Fernbedienungen und Videokameras an, die Bilder in das Stadtbüro des Unternehmens übertragen. Von dort steuern die Fachleute die Produktion, hergestellt werden nur noch einfache Produkte.

          „So lasten wir die Produktionskapazität noch zu 10 Prozent aus“, sagt Ali Adib. Von den Unternehmen, die noch intakt seien, kenne er keines, das mit mehr als 30 Prozent ausgelastet sei. Selbst diese bescheidene Menge ist jeden Tag eine große Herausforderung. Zunächst hatten die Rebellen den gesamten Diesel für die Generatoren an sich gerissen. Nun gilt es, jeden Tag irgendwie zumindest kleine Mengen Diesel aufzutreiben. Die Verhandlungen mit den Rebellen sind eine Gratwanderung. Gibt man den einen von ihnen Geld, kommen auch andere. „Es gibt weder Recht noch Ordnung“, klagt der Unternehmer. Würde er die Arbeit ganz einstellen, würden die Rebellen das Gelände besetzen und die Armee würde sie bombardieren. „Die die Fabrik beschützen, sind Helden“, lobt Ali Adib seine Beschäftigten.

          Helden sind auch Unternehmer wie er, die ihre Fabriken nicht schließen und trotz hoher Verluste niemanden entlassen, sondern alle Beschäftigten weiterbezahlen. „Schließlich ist es meine Pflicht, den Menschen beizustehen“, sagt Ali Adib. Heute verstehe sich sowieso jeder Unternehmer als karitativer Wohltäter. Wenn in einer Familie nur eine Person ein Einkommen hat, wird es geteilt. „Diese Solidarität hält Syrien zusammen.“ Am Jahresende wird er aber seine Rücklagen aufgebraucht haben, und er weiß nicht, wie er seine Beschäftigten dann weiterbezahlen soll.

          Ein Jahr weiter rechnet Abdallah Dardari. Er war bis Anfang 2011 Mitglied im syrischen Kabinett. Als Planungsminister und zuletzt auch stellvertretender Ministerpräsident sollte er die stark regulierte syrische Wirtschaft öffnen, was ihm teilweise auch gelang. Die ideologischen Hardliner in der sozialistischen Baath-Partei machten ihn dann für den Ausbruch der Proteste verantwortlich. Dardari kehrte zu den Vereinten Nationen zurück, und seit einem Jahr steht er in Beirut einer Arbeitsgruppe vor, die den Wiederaufbau des Landes vorbereitet. Die „Nationale Agenda für die Zukunft Syriens“ heißt der Plan, den sie erarbeiten. Dieser geht davon aus, dass der Konflikt im Jahr 2015 endet.

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