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Südchinesisches Meer : In China kocht der Patriotismus hoch

Eine Landebahn auf einer der kleinen Spratly-Inseln. Bild: dpa

Nach dem für die Volksrepublik blamablen Urteil, sie habe im Südchinesischen Meer keinerlei Ansprüche, läuft Pekings Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Die nationalistischen Slogans wirken: Selbst in Übersee ausgebildete Akademiker wittern eine Verschwörung gegen ihr Land.

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          Sissi heißt eigentlich gar nicht Sissi. Die junge Frau aus Schanghai trägt eigentlich einen chinesischen Namen. Aber weil sie zwei Jahre an Amerikas Ostküste verbracht und an der Business School der Eliteuniversität Harvard studiert hat, perfekt Englisch spricht und für ihr eigenes Modelabel jeden zweiten Monat wochenlang in Europa umherreist, hat sie sich wie fast alle aufgeklärten Chinesen aus der Mittelschicht einen englischen Namen zugelegt. Mit dem spricht sie auch ihr Freund an, ein Unternehmensberater aus Deutschland, der in China einheimische und westliche Firmen als Kunden zählt. Im Urlaub reist das Paar gerne durch Asien, noch lieber nach Europa, bevorzugt in die wunderschöne Provence in Südfrankreich.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Doch nun kämpft Sissi auf einmal im Kalten Krieg. Seit am gestrigen Dienstag der Ständige Schiedshof in Den Haag unerwartet deutlich geurteilt hat, dass China im Südchinesischen Meer keine historisch begründeten Gebietsansprüche hat, wie es die Regierung in Peking seit vielen Jahren mit alten Landkarten zu beweisen versucht, und chinesische Fischer sowie das Militär Felsen besetzen und künstliche Inseln aufschütten lässt, hängt der Haussegen schief bei dem östlich-westlichen Paar. „Wenn sich China jetzt dem Schiedsspruch beugt und aus der Südchinesischen See zurückzieht, wird Amerikas Militär unser Land besetzen“, glaubt Sissi. Den Einwand, vor dem Haager Schiedshof habe nicht Amerika geklagt, sondern die Philippinen, und es sei dabei auch nicht um die Besetzung Chinas gegangen, sondern im Gegenteil um den Expansionsdrang Pekings in Gewässer zweitausend Kilometer vor der chinesischen Küste, lässt die weltgereiste Sissi nicht gelten.

          Die Kommunistische Partei befördert nationalistische Tendenzen

          Ihr Patriotismus hat mit einem Mal ganz China erfasst. Schon immer hat die Kommunistische Partei nationalistische Tendenzen befördert, wo es nur ging. Aus machttaktischen Erwägungen: „Never Forget National Humiliation“ heißt ein 2012 erschienenes Buch. Darin beschreibt der amerikanische Politologe Zheng Wang, wie die KP die Chinesen in ihrer Propaganda „unablässig als Opfer ausländischen Imperialismus während hundertjähriger Demütigung“ darstellt. Eine erniedrigende Situation, aus der das Volk selbstverständlich nur mithilfe der Partei befreit werden könne, die als Einzige stark genug sei, Chinas gebührenden Platz an der Weltspitze zurückzuerobern.

          Chinas Präsident Xi Jinping will „keine Handlungen akzeptieren“, die auf Grundlage der Entscheidung des Haager Schiedshofes getroffen werden. Laut ihm sind die Inseln im Südchinesischen Meer seit der Antike chinesisches Territorium.
          Chinas Präsident Xi Jinping will „keine Handlungen akzeptieren“, die auf Grundlage der Entscheidung des Haager Schiedshofes getroffen werden. Laut ihm sind die Inseln im Südchinesischen Meer seit der Antike chinesisches Territorium. : Bild: AP

          Gegenüber früheren nationalistischen Ausbrüchen wie etwa gegen Japan, trägt die Aufregung um das Südchinesische Meer neue Züge: Während bisher in den Berichten über chinesischen Patriotismus meist auf Japan schimpfende Taxifahrer als Sinnbild für eine ungebildete Gesellschaftsschicht herhalten mussten, die gegenüber der Propaganda aus Pekings Ministerien empfänglich sei, sind es nun die jungen, erfolgreichen Chinesen aus der Mittelschicht. Oft haben sie in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien studiert, kennen die westlichen Vorstellungen von Demokratie und universalen Menschenrechten, und profitieren in ihrem Beruf von einer Globalisierung, die China zur zweitgrößten Wirtschaft der Erde gemacht hat. Im Streit um die Felsen im Südchinesischen Meer aber haben sie ein klares Feindbild: den Westen, der wie im 19. Jahrhundert nach dem Opiumkrieg die stolze chinesische Nation unterjochen wolle.

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