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Stuttgart 21 : Spaziergang mit Geißler

Heiner Geißler Bild: Marcus Kaufhold

Heiner Geißler schlichtet beim Streit um das Projekt „Stuttgart 21“. Früher hat er Helmut Kohl die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Heute ist seine Zunge noch immer so scharf wie sie war, als es galt, Generalsekretär der CDU zu sein.

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          Eine Begegnung mit Heiner Geißler ist erfrischend. Sie erinnert an lange Waldspaziergänge mit dem eigenen Großvater, einem intelligenten Mann, der alt geworden war, viel erlebt und seine Prinzipien hatte, aber bereit war, von seinem Enkel dazuzulernen. Auch Geißler ist inzwischen alt geworden; er hat im März seinen 80. Geburtstag gefeiert. Seine Waldspaziergänge sind Vortragsreisen, die ihn gerne auch in die Provinz führen. Dort findet Geißler seine Zuhörer nach wie vor. Sie bringen seine Bücher mit, wollen Autogramme, gerne auch direkt ins Buch.

          Sein jüngstes Werk heißt „Ou Topos: Suche nach dem Ort, den es geben müsste“. Es ist ein Buch, das geschickt die Gefühle der Menschen einer bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft anspricht, die zwar alles hat, in der der Einzelne aber um so häufiger auf der Suche nach dem persönlichen Glück ist. Der Titel von Geißlers Buch lehnt sich zwar an Thomas Morus‘ Werk Utopia an, in dem der Engländer schon im Spätmittelalter eine gerechte Gesellschaft umrissen hatte. Aber Geißlers Text ist modern, eine Abhandlung über Religion, Gut und Böse, Toleranz, Bildung, Tugenden, Ideale und diverse Utopien der Welt- und Wirtschaftsordnung. Es geht eben um Dinge, über die man im Idealfall mit einem gebildeten Großvater mit großer Lebenserfahrung reden kann – nur dass Geißler mit seinen Überlegungen noch immer sehr viel mehr Menschen zum Nachdenken anregen kann.

          Wer ihn auf einer seiner Vortragsreisen in der Provinz trifft, ist von seiner Präsenz überrascht, auch wenn seine Statur nicht beeindruckend, sondern gebrechlich wirkt. Geißlers Zunge aber ist so scharf wie sie war, als es galt, Generalsekretär der CDU zu sein. Einen Moderator nimmt er trotz größter Anstrengungen des Betreffenden allenfalls als Stichwortgeber wahr. Sein Redefluss lässt sich nur schwer unterbrechen. Und selbst diejenigen, die von seinen Thesen nichts halten, müssen später einräumen, sie hätten Geißler interessiert zugehört, er habe ihren eigenen Blick geschärft. Was kann man mehr wollen, ob in der Provinz oder wie in diesen Tagen in und um den Stuttgarter Hauptbahnhof.

          Dort fragt man sich seit Donnerstag, als Geißler zunächst einen Bau- und Vergabestopp für das Projekt „Stuttgart 21“ ankündigte und der Ministerpräsident und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn wenig später etwas tatsächlich oder vermeintlich anderes sagten, ob der alte Haudegen Geißler nun besonders gewitzt oder eher senil aufgetreten war. Wer Geißler auch nur ein wenig kennt, mag an die zweite Variante nicht glauben. Vermutlich hatte Geißler erkannt, dass es ohne einen solchen Vorstoß niemals gelingen würde, zu einvernehmlichen Fortschritten bei dem auch für die Wirtschaft in Baden-Württemberg so wichtigen Projekt zu kommen. Es könnte eine gezielte Provokation gewesen sein, um angesichts der politisch verfahrenen Situation die Frontstellungen durchlässiger zu machen.

          Mit Provokationen kennt sich Geißler aus. Das gilt in der Gegenwart in der Provinz ebenso wie früher auf der großen Bühne. Heute werden von ihm Wirtschaftsredakteure mit Thesen zur Notwendigkeit von Finanzmarkt-Transaktionssteuern aus der Reserve gelockt, früher hat er Helmut Kohl die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Ein gutes Gespür für die Themen der Zeit hatte Geißler dabei stets. So erschien schon 1990 mit „Zugluft – Politik in stürmischer Zeit“ ein Buch von Geißler, in dem er den Deutschen empfahl, sich auf das Zusammenleben mit Millionen Menschen anderer Herkunft, Kultur und Muttersprache einzustellen. Das ist bisher nicht so gut gelungen, was gerade die jüngste Debatte um das Buch eines ganz anderen Autors zeigt.

          Vor dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der acht größten Industrieländer (G 8) in Heiligendamm entschied sich Geißler, Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac zu werden. Seine Mitgliedschaft begründete er einerseits mit dem Recht auf gewaltfreie Demonstration (was in der Vermittlung in Stuttgart hilfreich sein dürfte); andererseits wollte er die von Attac angestrebte Humanisierung des Globalisierungsprozesses ideell unterstützen. Das Thema treibt Geißler um: „Wir müssen die totale Ökonomisierung unserer Gesellschaft rückgängig machen – im Gesundheitswesen, in der Bildung. Sogar bei Caritas und Diakonie heißen Patienten mittlerweile ‚Kunden'. Aber der Mensch hat Ziele jenseits von Angebot und Nachfrage, und unser Gemeinwesen ist auch kein ‚Media Markt'… Wir brauchen endlich wieder ein ethisches Fundament.“

          Es sind Sätze wie diese, mit denen er die Menschen nach seinen Vorträgen nach Hause entlässt; nur wenige wird er damit nicht erreichen. Deshalb ist es auch nicht das erste Mal, dass Geißler in einer brenzligen Situation als Moderator gerufen wird. Er vermittelte mehrfach in festgefahrenen Tarifkonflikten, war Schlichter im Bauhauptgewerbe, beim Streit zwischen den Lokführern mit der Deutschen Bahn, hat in den Auseinandersetzungen zwischen der Telekom und der Gewerkschaft Verdi vermittelt. Er weiß, wie wichtig Friedenspflichten in der Zeit von Verhandlungen sind, auch in Stuttgart.

          Die Freude, Probleme gelöst zu haben, nimmt man ihm jederzeit ab. Denn der Mann lacht gern. Geißlers Ansichten muss man als Begleiter auf seinen gedanklichen Waldspaziergängen nicht teilen. Aber mit seiner Kraft ist er ein Vorbild für eine Gesellschaft, die noch ein weiteres Problem hat, nämlich das einer alternden Gesellschaft. Werden mehr mit 80 Jahren so wie er, muss diese Zukunft nicht düster sein, ob mit oder ohne „Stuttgart 21“.

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