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Stuttgart 21 : Der Streich

Von wegen Zukunftsvision: Gegenwart in Stuttgart Bild:

Stuttgart 21 könnte als ökologisches Musterprojekt stehen. Doch die Vision ist nicht greifbar. Der Streit um das Projekt wirft ein Schlaglicht auf eine Protestkultur, die vom Internet befeuert wird.

          6 Min.

          Die Blätter rascheln und der Kies knirscht, aber die Wortfetzen sind klar zu hören: „Volksentscheid“ und „unser Geld“. Die Jogger diskutieren eindeutig über „Stuttgart 21“. Man kann dem Thema nicht entrinnen, auch nicht im Wald hoch über dem Stuttgarter Talkessel.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Seit vergangenem Donnerstag gehören auch „Wasserwerfer“ und „Pfefferspray“ zum Alltagsvokabular in Stuttgart, sogar „Juchtenkäfer“. Osmoderma eremita, ein bis zu vier Zentimeter langer, braunschwarz glänzender Käfer, lebt auf den alten Bäumen im Stuttgarter Schlossgarten und lehrt die erregten Bürger, was es mit der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) auf sich hat: Um den seltenen Juchtenkäfer zu schützen, hat das Eisenbahn-Bundesamt das Fällen der Bäume im Schlossgarten untersagt, weshalb der Zorn über den Einsatz von mehr als 1000 Polizisten anlässlich der Fällaktion erst recht hochkocht.

          Wer sich munitionieren will mit Argumenten gegen „Stuttgart 21“, braucht nur in den Schlossgarten zu gehen. Die Parkschützer campieren noch da und linke Aktivisten, Robin Wood und die Gewerkschaftsjugend von Verdi haben Informationsstände aufgebaut. Baumpaten haben den Stamm einer Platane rundum mit Hunderten von Plüschtieren gepolstert, in die Zweige eines anderen Baums Engelchen, Windspiele und Spiegel gehängt und vor einem besonders mächtigen Exemplar eine Art Altar aufgebaut, ein großer Brotlaib in der Mitte und Dutzende von Friedhofslichtern drumherum. An den Absperrgittern vor dem Bauzaun hängen Schilder mit wütenden Parolen („Mauer 21“ oder „Park des Himmlischen Friedens“), Kopien von Zeitungsartikeln, dazwischen ernste, von Hand aufgeschriebene Gedanken, aber auch witzige Beiträge, etwa ein „Basis-Set für S-21-Demonstranten“, bestehend aus einem Papierflieger und einer Kastanie. Die Rosskastanie, von einigen Polizisten im Eifer des Gefechts zunächst fälschlicherweise als Pflasterstein identifiziert, macht ihre eigene Karriere als Auktionsgegenstand im Internet.

          Winfried Kretschmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, am Donnerstag mit dem Vermittler über „Stuttgart 21”, Heiner Geißler.

          Nur wenige Gegner in der Wirtschaft

          Gegen die Macht solcher Bilder kommen die Befürworter von „Stuttgart 21“ nicht an. „Jeder kann sich ausgiebig informieren. Aber bei einem solch komplexen Projekt ist es letztlich immer eine Frage, welchem Experten man glaubt – und dann kommt zur Information die Emotion dazu“, analysiert Andreas Richter die Lage. Als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Stuttgart ist er qua Amt ein Befürworter von „Stuttgart21“, und er ist überzeugt, dass es in der Wirtschaft nur wenige Gegner des Projekts gibt.

          Für flammende Plädoyers für „Stuttgart21“ kann aber selbst das IHK-Magazin nicht allzu viele Größen des örtlichen Wirtschaftslebens aufbieten. Neben dem IHK-Präsidenten findet sich noch Volker Gerstenmaier, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Ellwanger & Geiger, der befürchtet, „ein Projektstopp würde die heutige Wirtschaftsregion Baden-Württemberg zurück in die Steinzeit befördern“. Sehr viel vorsichtiger äußert sich für die IHK-Titelgeschichte LBBW-Vorstandschef Hans-Jörg Vetter, der erhebliche Vorteile für Stadt und Region sieht, allerdings erst nach Fertigstellung – also frühestens in zehn Jahren, mit oder ohne Protest.

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