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„Stuttgart 21“ : Auf eine Milliarde soll es nicht ankommen

Stuttgart 21: Eine Simulation zeigt den geplanten unterirdischen Bahnhof Bild: ddp

Das Infrastrukturprojekt „Stuttgart 21“ wird seit 15 Jahren zerredet. Die Stuttgarter haben dem Projekt schon die Rote Karte gezeigt und grün gewählt. Jetzt soll ein letztes Mal gerechnet werden, ob es finanzierbar ist. Die Wirtschaft hofft darauf.

          3 Min.

          Das Wort hat Macht. "Stuttgart 21" ist zwar bisher nicht mehr als ein Plan, dessen Realisierung noch ungewiss ist, doch das milliardenschwere Bahn-Infrastrukturprojekt hat schon Politik gemacht. Die Stuttgarter haben "Stuttgart 21" schon die Rote Karte gezeigt und grün gewählt. Jetzt sind die Grünen stärkste Fraktion im Gemeinderat vor der traditionell starken CDU: Sie haben das weitverbreitete Unbehagen gegen das Projekt in Stimmen ummünzen können.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Fakt ist, dass für gut 3 Milliarden Euro der Stuttgarter Bahnhof erneuert werden und für weitere 2 Milliarden Euro die Bahnstrecke Stuttgart-Ulm tauglich für europäische Hochgeschwindigkeitsverbindungen gemacht werden soll - also eine Mega-Investition in öffentliche Verkehrsinfrastruktur, durch die 350 Millionen Autokilometer im Jahr eingespart werden könnten. "Wenn das kein zukunftsweisendes Konzept ist, was müssen wir dann noch bieten?", fragt ratlos Rüdiger Grube, der neue Bahnchef, der sich schon zu seinen Zeiten als Daimler-Vorstand für das Projekt starkgemacht hat.

          Bei vielen Bürgern steht "Stuttgart 21" für eine scheinbar endlose Diskussion, die immerhin schon seit 15 Jahren diesen Titel trägt: Was so lange nicht realisiert wird, kann kaum umwerfend gut sein, lautet die Logik für allgemeines Unbehagen. Konkret gibt es die Furcht, der auf dem bisherigen Bahnhofsareal entstehende neue Stadtteil könnte entweder gesichtslos werden oder der alten, gewachsenen Innenstadt das Leben nehmen. Vor allem aber fürchtet man, dass die Kosten ausufern werden.

          Der bisherige Kopfbahnhof soll komplett zurückgebaut werden

          „Wir brauchen ja nicht unbedingt sechs Bahnhofseingänge“

          Das Letztere vor allem bringt Edmund Hug auf die Palme: "Ich finde es bedauerlich, dass man so ein Projekt auf die Kosten reduziert", sagte der frühere IBM-Chef vor Unternehmern in Stuttgart: "Was spielt es für eine Rolle, ob das eine Milliarde mehr oder weniger kostet?" Die Provokation glückte. Kräftiger Applaus war die Quittung der in der Industrie- und Handelskammer versammelten Unternehmer. Sie wissen genau, dass eine gute Infrastruktur die Grundlage für zukünftige Erfolge ist und dass es ungeahnte Folgen hätte, wenn die europäischen Hauptverkehrsadern eines Tages im großen Bogen um Stuttgart herum- führten. Die Fakten für "Stuttgart 21" reichen aber nicht aus, das Projekt voranzubringen, hat Edmund Hug erkannt. Er schickte die Unternehmer zurück in ihre Firmen mit dem Auftrag, Emotionen zu zeigen, die Begeisterung für "Stuttgart 21" weiterzutragen.

          Einfach ist das nicht. Denn Bahn-Chef Rüdiger Grube hatte die Wahrheit im Gepäck, und die heißt: es kann wirklich zu Kostensteigerungen kommen. Zwar haben alle politischen Gremien dem Projekt schon zugestimmt, doch die Bahn will alles noch einmal durchrechnen. "Wenn wir's machen, sollen wir es sehenden Auges machen", erklärt Grube. Bis Ende Dezember, so steht es im Vertrag, soll dann aber wirklich Klarheit herrschen. "Ziel ist es, mit den 3,076 Milliarden Euro auszukommen. Aber das wird schwierig", räumt Grube ein - eine Bemerkung, die für manche schon wie der Einstieg in den Ausstieg klang. Es gibt aber noch Spielraum. Nur wenn der eigens vorgesehene Risikofonds über 1,4 Milliarden Euro nicht ausreicht, können die Beteiligten die Reißleine ziehen. Grube aber macht den Unternehmern Hoffnung, vergleicht das Projekt mit dem privaten Hausbau, bei dem auch nicht jeder Traum erfüllbar sei: "Wir müssen den Mut haben zu optimieren", sagt er und liefert ein Sparbeispiel: "Wir brauchen ja nicht unbedingt sechs Bahnhofseingänge mit 15 Metern Höhe." Mehr Details zu seinen Nachbesserungsideen verrät Grube nicht - die Gegner lauern schließlich auf alles, was ausgeschlachtet werden kann. Erst am Wochenende hatte sich der Fahrgastverband Pro Bahn zu Wort gemeldet. Ein einzelner verspäteter Zug würde das ganze System durcheinanderbringen, so die Warnung.

          Für solche Fälle hat die Bahn neuerdings ihren "Mister Stuttgart 21". Wolfgang Drexler, im Ländle bekannt als SPD-Politiker und stellvertretender Landtagspräsident, zählt zu den glühendsten Verfechtern von "Stuttgart 21", weiß auf alles eine Antwort und ist seit Anfang September auch ganz offiziell damit betraut, den Gegnern nicht das Feld zu überlassen. Dem Verband Pro Bahn hält er entgegen, dass mit dem neuen Bahnhof 51 Züge in der Stunde abgefertigt werden könnten und dass der heutige Bahnhof dem zunehmenden Verkehr gar nicht mehr gewachsen wäre.

          Wohnraum für 11.000 Menschen

          Ohnehin gibt es viele Argumente, die den Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen könnten, wenn sie denn bekannt wären. Die Sache mit der Großbaustelle etwa: Lärm und Dreck und Staus werden sich im Rahmen halten, weil die Baustellenlogistik komplett auf dem bisherigen Bahngelände verläuft und daher den Innenstadtverkehr kaum beeinträchtigt. Oder die Statik: 300 Probebohrungen und 80 Messstellen sollen die Sicherheit bieten, dass sich ein Drama wie der Häusereinsturz in Köln nicht wiederholt, wenn der Stuttgarter Bahnhof denn unter die Erde verlegt wird. Auf dem Gelände, das bisher durch die Gleise belegt ist, wird Wohnraum für 11.000 Menschen geschaffen und Gewerbefläche für 20.000 Arbeitsplätze, womit Firmen mitten in der Stadt Erweiterungsmöglichkeiten hätten. Bei all dem, verspricht Drexler, bleibt auch noch Platz für 20 Hektar Grünflächen, und 4200 neue Bäume sollen gepflanzt werden.

          Ein wichtiges Argument für jeden Schwaben ist aber das Geld, das nach Stuttgart fließt und schon während der Bauphase wie ein Konjunkturprogramm wirkt: Während Land, Region, Stadt und Flughafen nur rund ein Sechstel der Investitionssumme übernehmen müssen, wird der Rest von der Bahn, vom Bund und von der EU finanziert. Dieses Geld werde nicht für alternative Vorhaben im Land zur Verfügung stehen, warnt daher Wolfgang Drexler, der für plastische Formulierungen bekannt ist: "Wir wären ja besoffen, wenn wir das nicht annehmen würden."

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