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Deutscher Sozialstaat : Wer viel hat, der muss viel geben

Selbst wer in einem Haushalthalt mit mehr als 10.000 Euro netto lebt, erhält immer noch 625 Euro im Monat dazu. Bild: Felix Seuffert

Die Umverteilung von höheren zu niedrigeren Einkommen funktioniert erstaunlich gut. Das zeigt eine neue Studie. Sie belegt auch: Der Sozialstaat wächst deutlich schneller als die Wirtschaft.

          Der deutsche Sozialstaat hat im vergangenen Jahr fast 850 Milliarden Euro an seine Bürger verteilt. Das waren gut 31 Milliarden Euro oder 3,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Sozialstaat ist damit zum wiederholten Mal stärker gewachsen als die Wirtschaftsleistung insgesamt: Das Bruttoinlandsprodukt stieg nominal – also nicht inflationsbereinigt – um 3,4 Prozent. So weist es die neue Jahresstatistik des Bundesarbeitsministeriums aus.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Von der Wirtschaftsleistung, die sich auf gut 2,9 Billionen Euro belief, flossen damit 29,2 Prozent in Sozialleistungen. Das ist der höchste Wert seit den Krisenjahren 2009 und 2010, als Milliardenausgaben für Kurzarbeit die Quote sogar auf 30 Prozent erhöhten. Die größten Ausgabenposten sind indes mit jeweils mehr als 300 Milliarden Euro die Gesundheitsversorgung sowie Renten und Pensionen.

          Ob der Sozialstaat so groß sein muss, darüber wird politisch viel gestritten. Unabhängig davon lässt sich jedoch eines feststellen: Soweit es dem Sozialstaat um Umverteilung von oben nach unten geht, also von höheren zu niedrigeren Einkommen, funktioniert er erstaunlich gut – wer viel hat, der muss viel geben; wer wenig hat, bekommt viel dazu. Das belegt eine noch unveröffentlichte Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der F.A.Z. vorliegt.

          Gewinne und Verluste bei der staatlichen Umverteilung, aufgeschlüsselt nach den Haushalts-Nettoeinkommen.

          Betrachtet man allein die Geldleistungen, die der Sozialstaat verteilt, dann erhält ein Durchschnittshaushalt über die verschiedenen Kanäle 820 Euro im Monat. Ohne die Einkommensteuer, die Gutverdiener besonders stark zur Finanzierung heranzieht, wäre der Sozialstaat allerdings ziemlich ungerecht: Zwar erhalten Bürger aus Haushalten mit monatlichen Nettoeinkommen zwischen 2000 und 2500 Euro im Durchschnitt am meisten Geld vom Staat – insgesamt 970 Euro im Monat. Doch selbst wer in einem Haushalt mit mehr als 10.000 Euro netto lebt, erhält immer noch 625 Euro im Monat dazu. Dies können neben Renten und Pensionen auch Familienleistungen sein.

          Das Bild des Transferstaats ändert sich jedoch erheblich, wenn man neben den Leistungen auch Steuern und Abgaben mitrechnet, wie die Analyse der Verteilungsforscherin Judith Niehues belegt. Denn wer in einem Haushalt mit mehr oder sogar deutlich mehr als 10.000 Euro im Monat lebt, überweist gleichzeitig im Durchschnitt 8470 Euro an den Staat; er leistet damit unter dem Strich trotz jener Transfers von 625 Euro einen Finanzierungsbeitrag von 7845 Euro im Monat. Demgegenüber zahlen Bürger der Einkommensklasse von 2000 bis 2500 Euro durchschnittlich nur 561 Euro im Monat an Einkommensteuern und Abgaben. Ihnen bleiben von den 970 Euro an Sozialleistungen am Ende immerhin knapp 410 Euro übrig. Und wer in einem Haushalt mit nur 1000 bis 1500 Euro netto lebt, macht unterm Strich sogar 610 Euro gut: Zwar gibt es in dieser Einkommensklasse durchschnittlich nur 804 Euro im Monat vom Sozialstaat, doch auf der anderen Seite zieht der Steuer- und Abgabenstaat hier auch nur 193 Euro im Monat ein.

          Betrachtet man diese Ergebnisse über alle Einkommensklassen, liefert die staatliche Umverteilungsmaschine im Grundsatz eine schlüssige Arbeit ab. Denn je höher das Nettoeinkommen ausfällt, desto mehr tragen die Haushalte auch im Saldo von Steuern und Transfers zum Gemeinwesen bei. Und je kleiner das Nettoeinkommen, desto mehr bekommen sie. Wer weniger als 1000 Euro im Monat hat, bezieht im Durchschnitt mehr als 48 Prozent seines Einkommens vom Staat. Wer 2000 bis 2500 Euro zur Verfügung hat, verdankt im Durchschnitt mindestens 26 Prozent der Umverteilung. Oberhalb von 3000 Euro im Monat sind die Bürger in der Regel Nettozahler.

          Singles und Paare profitieren kaum von Transferleistungen

          Da es sich um Durchschnittswerte handelt, kann es aber – je nach Art des Haushalts – im Einzelfall trotzdem anders aussehen. So zählen fast alle Seniorenhaushalte als Transferempfänger, da Renten und Pensionen meist der Großteil ihres Einkommens sind – auch wenn es sich etwa um Pensionärspaare mit zusammen mehr als 3000 Euro netto handelt. Auf der anderen Seite gibt es unter dieser Schwelle auch eine Minderheit von Nettozahlern. Stark in die Pflicht genommen würden unterm Strich vor allem Erwerbstätige ohne Kinder, zeigt Niehues. Das betreffe nicht nur Singles, sondern auch Paare: „Ihre durchschnittlichen Bruttoeinkommen und ihre Abgaben sind vergleichsweise hoch, sie profitieren aber kaum von Transferleistungen.“

          Tatsächlich hat die ganz überwiegende Mehrheit der Ein-Personen-Haushalte wie auch eine Mehrheit der Zwei-Personen-Haushalte weniger als 3000 Euro netto. Unter den fünf Millionen Familien mit vier oder mehr Personen kann dagegen immerhin die Hälfte mehr als 4000 Euro im Monat ausgeben. „Das zeigt, dass Familien überdurchschnittlich oft zur Mittelschicht gehören“, schreibt die Forscherin.

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