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Studentenproteste : Ein heißer Herbst dank Bologna

          3 Min.

          Deutschland steht vor einem „heißen Herbst“, wenn es nach dem Willen der Organisatoren des Bildungsstreiks geht. Der hat an diesem Dienstag mit Demonstrationen, Kundgebungen und Hörsaalbesetzungen in mehr als 50 Städten seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Was auf den Transparenten steht, klingt eingängig: Gegen das nur auf den kurzfristigen Prüfungserfolg zielende „Bulimielernen“ richten sich die Proteste, gegen die als „Campus-Maut“ kritisierten Studiengebühren und gegen die Verschulung des Hochschulstudiums, die nach Ansicht vieler Studenten mit der Einführung der Bachelorstudiengänge einhergeht.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bildungsfragen sind weltanschaulich aufgeladen, weshalb die Frontlinien zum Teil entlang erwartbarer politischer Zuordnungen verlaufen: Der Ring christlich-demokratischer Studenten (RCDS) wendet sich gegen den „Aktionismus der Möchtegern-Achtundsechziger“, der Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband (SDS) dagegen fordert von der Bundesregierung, umgehend 40 Milliarden Euro zusätzlich in Schulen und Hochschulen zu stecken. Wie aber steht es tatsächlich um die Finanzierung der 355 deutschen Hochschulen? Wie kommen die Absolventen der neuen Bachelorstudiengänge auf dem Arbeitsmarkt an? Und wie wirken sich Studiengebühren aus?

          Mit solchen Fragen beschäftigen sich Bildungsökonomen wie Ludger Wößmann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ifo in München. Allgemeine Studiengebühren sind in Deutschland erst seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2005 zulässig und inzwischen in sechs Bundesländern zu zahlen; zusammen mit den Verwaltungsgebühren tragen die deutschen Studenten so rund 1 Milliarde Euro im Jahr zum Gesamtbudget der Hochschulen von 32 Milliarden Euro bei.

          Demonstrationen : Studenten protestieren gegen Bildungsmissstände

          Gute Abiturienten, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ermittelt, lassen sich von den meist 500 Euro je Semester nicht abschrecken, sie wandern auch nur selten in Bundesländer ohne Gebühren ab. Im Ausland sind vielerorts deutlich höhere Gebühren längst etabliert. Für besonders interessant hält Wößmann das Beispiel Australiens. Dort stehe den Studenten ein niedrig verzinster staatlicher Kredit zur Finanzierung der Gebühren zur Verfügung, den sie später nur dann zurückzahlen müssen, wenn sich die Bildungsinvestition auch in einem höheren Einkommen niederschlägt. Ein ähnliches Modell erprobt der neue schwarz-grüne Senat nun auch in Hamburg.

          „Ganz ohne Gebühren sind die hauptsächlich aus Steuern finanzierten Hochschulen ein Umverteilungsmechanismus von unten nach oben“, rechtfertigt Wößmann diesen Ansatz. „Wer ein Studium abschließt, hat später im Durchschnitt ein deutlich höheres Einkommen als andere Arbeitnehmer. Die höhere Steuerlast allein gleicht das nicht aus.“ Je zusätzlichem Bildungsjahr steigt das Jahreseinkommen in Deutschland um 7 bis 9 Prozent, belegen einschlägige Untersuchungen; bei einer Studiendauer von vier Jahren liegt das durchschnittliche Gehaltsplus zwischen 28 und 36 Prozent. „Diese hohe Ertragsrate zeigt, dass sich Investitionen in die eigene Bildung lohnen.“

          Dass dies auch in Zukunft unter den Bedingungen der vor zehn Jahren in Bologna vereinbarten europäischen Hochschulreform so sein wird, bezweifeln manche Kritiker jedoch. Nach den Eindrücken von Richard Lucht jedenfalls halten viele Unternehmen von der Qualität des zumeist auf drei Jahre verkürzten Bachelorstudiums wenig. Als Vorstandsmitglied der wirtschaftsnahen Studentenorganisation Aiesec ist er über den Verdacht nur ideologisch motivierter Kritik am Bologna-Prozess erhaben. Neun von zehn Bachelor-Absolventen, schätzt er, satteln ein ein- bis zwei Jahre dauerndes Masterstudium auf. „Das ist paradox, weil die Reform nicht zuletzt auf den Ideen der Arbeitgeber beruht“, sagt Lucht.

          Diese wiederum stehen jedenfalls offiziell weiter zu der Reform. Die Erfahrungen der Betriebe mit den Bachelor-Absolventen – inzwischen nehmen drei Viertel aller Erstsemester einen solchen Studiengang auf, bei den altbekannten Abschlüssen bleibt es dagegen in der Medizin, den Rechtswissenschaften und der Lehrerausbildung – seien insgesamt positiv, berichtet ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Einer Studie des Kasseler Hochschulforschungsinstituts INCHER zufolge suchen Bachelorabsolventen nicht länger nach ihrer ersten Stelle als die Diplom- und Magisterabsolventen früherer Jahrgänge; ihre Einstiegsgehälter sind jedoch rund 5 Prozent niedriger.

          Zentrale Elemente der Hochschulreform sind allerdings auch nach Ansicht des BDA verbesserungsbedürftig. So wollten die Bildungspolitiker die Mobilität der Studenten erhöhen. Zu dichte Studien- und Prüfungspläne führen bislang jedoch offenbar zu gegenläufigen Ergebnissen. Außerdem ist die Quote der Studienabbrecher gerade in arbeitsmarktrelevanten Fächern wie den Ingenieurwissenschaften nicht gesunken. Dass Hochschulbildung à la Bologna wegen der verkürzten Studiendauer die öffentliche Hand womöglich sogar weniger kosten könnte als bisher, hat sich ebenfalls als trügerische Hoffnung erwiesen: 15 Prozent zusätzliche Mittel fordert die Hochschulrektorenkonferenz – weil die Studenten im Bachelorstudium nach ihrer Ansicht mehr Betreuung brauchen.

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