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Stromtrassen-Ausbau : Netzbetreiber verzichten auf das Geld der Anwohner

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Wie bricht man den Widerstand gegen neue Stromtrassen? Indem die Bürger selbst in die Trassen investieren - dachten Politiker. Der Plan kam in den Koalitionsvertrag. Doch die Bürger mögen den Plan nicht. Jetzt finanzieren die Stromnetz-Betreiber den Ausbau lieber selbst.

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          Die großen Stromnetzbetreiber beschleunigen den Ausbau des Leitungsnetzes, begraben aber still ihre Pläne, die Anwohner an der Finanzierung zu beteiligen. Nach einer Umfrage dieser Zeitung verfolgt auf absehbare Zeit keiner der vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50Hertz, Tennet und Transnet BW solche Vorhaben, obwohl Union und SPD sie eigens in den Koalitionsvertrag für die neue Regierung aufgenommen haben.

          Für den Ausbau der Stromnetze müsse bei den Anliegern um Akzeptanz geworben werden, heißt es dort. „Neben frühzeitiger und intensiver Konsultation der Vorhaben kann dazu auch eine finanziell attraktive Beteiligung von betroffenen Bürgern an der Wertschöpfung beitragen.“ Die alte Bundesregierung hatte für die Anwohnerbeteiligung am Leitungsbau mit dem Schlagwort der „Bürgerdividende“ geworben. Doch die bisher ernüchternden Erfahrungen bei einem mit großen Erwartungen begonnenen Projekt in Schleswig-Holstein schrecken die Netzbetreiber offensichtlich ab.

          „Nach dem doch sehr mäßigen öffentlichen Interesse beim ersten Pilotprojekt haben wir kein aktives Projekt, bei dem wir so etwas anbieten wollen“, sagte der Vorstandsvorsitzende des für das Netz in Nord- und Ostdeutschland verantwortlichen Betreibers 50Hertz, Boris Schucht, dieser Zeitung – obwohl sein Unternehmen den Netzausbau gerade mit aller Kraft vorantreibt und 2013 allein 400 Millionen Euro investiert. Auch der für das Übertragungsnetz im Westen Deutschlands zuständige Betreiber Amprion wiegelte auf Anfrage ab. Man habe „noch kein Leitungsbauprojekt identifiziert, das sich als Pilotprojekt für den Einsatz der Bürgerdividende eignet“.

          Finanzbeteiligung von Anliegern nachrangig

          Der baden-württembergische Netzbetreiber Transnet BW hält die Frage der Finanzbeteiligung von Anliegern grundsätzlich für eine nachrangige: „Die große Herausforderung für das Netz der Zukunft ist die lokale und regionale Akzeptanz derjenigen Bürger, die von einzelnen Maßnahmen unmittelbar betroffen sind – nicht die Finanzierung einzelner Projekte.“ Ob man Bürgern ein finanzielles Engagement anbieten werde, müsse noch eingehend geprüft werden, rechtlich, organisatorisch und finanziell. Auch das Unternehmen Tennet, welches das Netz vom Nordwesten bis in den Südosten betreibt, äußerte sich zurückhaltend: „Wir planen aktuell kein weiteres Projekt einer finanziellen Bürgerbeteiligung“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

          Tennet hatte im Frühjahr mit viel Engagement ein erstes Projekt für eine Finanzbeteiligung von Anliegern an einem Leitungsbau in Schleswig-Holstein aufgelegt, damit allerdings ernüchternde Erfahrungen gemacht. Zwar hatten 1492 Interessenten Material angefordert, doch nur 142 die Bürgeranleihe mit zusammen 833.000 Euro gezeichnet. Erwartet worden waren bis zu 40.000 Investoren mit je 10.000 Euro.

          Allerdings stand das Ziel, Geld einzusammeln, nie im Vordergrund. Das über dem aktuellen Marktniveau verzinste Kapital sollte vielmehr ein positives Umfeld für den von vielen Widerständen behinderten Leitungsbau schaffen. Aus rechtlichen und technischen Gründen war jedoch keine Beteiligung an der Leitung, sondern nur an einer vom Unternehmen begebenen Anleihe möglich, was das Interesse an der Zeichnung dieses „Hybridkapitals“ deutlich reduziert hatte.

          „Es ist extrem schwer, für einzelne Leitungsabschnitte Beteiligungsmodelle zu arrangieren, anders als beim Bau von Wind- oder Photovoltaikanlagen funktioniert das leider nicht“, sagte Schucht. 50Hertz fände es auch „nicht seriös, Anwohnern Beteiligungskonstrukte zu verkaufen, die eigentlich für professionelle Finanzinvestoren gedacht sind“. Wer sich an 50 Hertz beteiligen wolle, könne Aktien der Muttergesellschaft Elia an der Börse kaufen.

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