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Stromerzeugung : Deutschland braucht die Kohle

  • -Aktualisiert am

Braunkohletagebau mit Schaufelradbagger Bild: Schoepal, Edgar

Nach dem Ausstieg aus der Kernkraft schießt sich die Umwelt-Lobby auf Kohlekraftwerke ein. Dem Land würde ein schneller Ausstieg aus der Kohleverstromung aber schaden. Und der Umwelt wenig helfen.

          Kohle hat Deutschland reich gemacht. Ohne sie wäre das Ruhrgebiet nicht geworden, was es lange war: Energielieferant und Schmiede der Nation. Nach dem Krieg hat die Steinkohle an Ruhr und Saar zum Erstarken der Industrie im Westen beigetragen. Sie hat Wohnungen gewärmt, bis Öl und Gas und das erwachende Umweltbewusstsein die Briketts aus den Häusern vertrieben. Länger haben die sich im Osten gehalten - die DDR hing an der Braunkohle.

          Doch nun geht es der Kohle an den Kragen. Wo der Ofen noch glimmt, da soll er erkalten. Das trifft die heimische Braunkohle, die zur Stromerzeugung gefördert wird. Aber es träfe auch die Steinkohle, die aus Russland, Kolumbien und den Vereinigten Staaten eingeführt wird. In Deutschland soll auf Sicht gar keine Kohle mehr verbrannt werden. Denn sie ist nicht nur schmutzig und staubt, sie hat auch eine ziemlich miese Klimabilanz.

          Wie alle fossilen Energieträger setzt sie bei der Verbrennung Kohlendioxid (CO2) frei, das zur Erderwärmung beiträgt. Ein Nachteil der Stein- und mehr noch der Braunkohle ist, dass für die Erzeugung einer Einheit Strom viel mehr Kohle als Gas eingesetzt werden muss. Allein: Kohle ist preiswert, Gas ist teuer. Die meiste Elektrizität wird deshalb durch Kohle erzeugt. Darauf basiert die deutsche Stromerzeugung zu fast 45 Prozent. Kohle ist der wichtigste Elektrizitätslieferant - und der größte heimische Verursacher des Klimawandels.

          Deshalb schießt sich die UmweltLobby auf die Kohle ein: Kraftwerke sollen abgeschaltet, die Eigentümer enteignet werden. Die Anti-Kohle-Lobby kennt das Geschäft aus dem Kampf gegen die Atomenergie. Ihr neuer Feind ist ein alter Bekannter: große Energiekonzerne wie RWE und Vattenfall mit ihren Braunkohlekraftwerken. So würzt Ideologie die Auseinandersetzung.

          Dass die Regierung ihre hochgesteckten klimapolitischen Ziele verfehlt, weil sie für deren Erreichen zu wenig getan hat, könnte jetzt den Stromerzeugern auf die Füße fallen. Mit der Konzentration auf Kraftwerke macht sie sich das CO2-Sparen einfach. Sie muss sich nicht mit Millionen Autofahrern, Flugreisenden oder Hausbesitzern anlegen. Hinzu kommt: Der Ökobürger soll nicht nur seine regional produzierten Nahrungsmittel aus dem Bioladen um die Ecke beziehen. Auch Strom und Wärme werden, dem neuen Leitbild folgend, emissionsfrei dezentral erzeugt.

          Gewerkschaften loben Gabriels Pro-Kohle-Politik

          Gegen überschäumende Kohlekritik hat der Bundeswirtschaftsminister sich deutlich geäußert. Das hat manche überrascht, weil sie noch Sätze des SPD-Umweltministers Gabriel im Ohr hatten, die anders klangen. Das ist ein paar Jahre her. Vielleicht sollte man ihm einen Erkenntnisgewinn im neuen Amt nicht absprechen.

          Zudem muss der SPD-Vorsitzende seine Partei zusammenhalten. Dazu gehört zwar ein starker Umweltflügel. Aber Gabriel lässt die wirtschaftspolitische Flanke nicht ungeschützt. Das Lob von vier großen Gewerkschaften für seine Pro-Kohle-Politik belegt, dass er nicht falschliegt. Der Blick auf die Landkarte legt politischen Realismus nahe: In den Kohleländern Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen regiert die SPD mit, in zweien stellt sie den Ministerpräsidenten.

          Auch jenseits solcher politischen Opportunitäten verbietet sich ein Abschied von der Kohleverstromung, der über das vom Ökostromausbau vorgegebene Ausstiegstempo hinausgeht. Und das aus drei Gründen: Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Preiswürdigkeit. Dem Klima würde eine Kohle-Zwangsabschaltung kaum helfen. Es würden Zertifikate frei, die anderswo zu mehr Emissionen führten. Selbst zu niedrigeren Preisen gäbe es Käufer, das höhere Angebot würde den Preis drücken. Für das Klima bliebe alles, wie es ist, Schaden wäre dennoch angerichtet.

          Denn die Braunkohle ist der letzte fossile heimische Energieträger. Warum freiwillig und vor der Zeit auf ihn verzichten? Um mehr Gas aus Putins Russland einzuführen? Oder um den Wirtschaftsstandort durch Ökoenergien noch mehr zu belasten und die Versorgungssicherheit auf die Probe zu stellen? Das geschieht schon durch das Abschalten der Kernkraftwerke.

          Energie darf nicht noch teurer werden

          Vom Winter 2018/19 an kann laut Gabriel in der kalten Jahreszeit der größtmögliche Strombedarf nicht mehr aus heimischer Erzeugung gedeckt werden. Dann würde Strom (Kohle? Atom?) aus dem Ausland benötigt, wenn es dort welchen gibt. Nicht zuletzt würden nach dem Wegfall preiswerter Atom-, Braun- und Steinkohlekraftwerke vermehrt teure Gaskraftwerke angefahren werden. Im Ergebnis stiege der Strompreis.

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          Man kann es wenden, wie man will: Die Energiewende ist teuer. Manche Kosten werden sich erst im Laufe von Jahren zeigen, etwa wenn die energieintensiven Industrien das Land verlassen, weil sie nicht mehr investieren. Diesen Kurs durch weitere Zwangsmaßnahmen zu beschleunigen wäre grob fahrlässig, erst recht, wenn der Umwelt damit kaum geholfen würde. Kohle hat Deutschland einst reich gemacht. Ein unter falschen Voraussetzungen erzwungener vorzeitiger Kohleausstieg würde Land und Leuten schaden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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