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Streitgespräch : Macht der Kapitalismus uns krank?

Jeder zwanzigste Arbeitnehmer ist heute wegen psychischer Probleme krankgeschrieben, zweihundertmal so viele wie vor siebzig Jahren. Bild: plainpicture/Jean-Pierre Attal

Zwei Sozialforscher streiten: Der Kapitalismus ist schuld, wenn Burnout und Depressionen zunehmen, meint Hartmut Rosa. Martin Dornes glaubt ihm kein Wort: Uns geht es so gut wie nie.

          Herr Rosa, macht uns der Kapitalismus krank?

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Rosa: Der Kapitalismus befördert Verhältnisse, unter denen Burnout oder Depressionen zunehmen, und deshalb kann man auch sagen, dass der Kapitalismus krank macht. Wir haben es mit einer Form von Entfremdung zu tun, die durchaus kapitalistische Ursachen hat. Ein gutes Leben gelingt nur schwerlich unter diesen Bedingungen.

          Dornes: Das bestreite ich energisch. Dass psychische Störungen wie Burnout und Depressionen in den vergangenen dreißig oder vierzig Jahren zugenommen haben, wiederholen linke Sozialwissenschaftler wie Sie, Herr Rosa, unablässig. Aus der Zunahme der Burnout-Diagnosen schließt man auf die Zunahme dieser Krankheiten und daraus wiederum, dass die Lebensverhältnisse unter dem neoliberalen Kapitalismus die Krankheitszahlen nach oben treiben. Dieser Zusammenhang existiert nicht. Wenn die Krankheitsdiagnosen zunehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch mehr Kranke gibt. Je mehr Ärzte es gibt, desto mehr Krankheiten werden diagnostiziert; je mehr Kinderpsychiater, desto mehr ADHS. Man nennt das eine angebotsinduzierte Nachfrage, die die Diagnosen in die Höhe treibt. Die Leute waren vorher schon krank, und jetzt werden sie ins diagnostische Hellfeld überführt. Was zugenommen hat, ist unsere Sensibilität für Symptome und Syndrome, die wir früher ignoriert haben. Aber sie waren immer da.

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          Rosa: Ich finde diese Argumentation ausgesprochen gefährlich, Herr Dornes. Sie ignorieren die überwältigende Zahl von Psychotherapeuten und Psychiatern, die übereinstimmend in ihrer Praxis eine Steigerung von schweren Krankheitsfällen beobachten, von denen sie überzeugt sind, dass sie soziale Ursachen haben. Es gibt nun einmal diesen dramatischen Anstieg. Und da können Sie beim besten Willen nicht behaupten, das Ganze sei lediglich ein Diagnoseartefakt durch eine erhöhte Sensibilität der Ärzte, die plötzlich mehr Depressionen diagnostizieren. Das Problem ist doch, dass die Realprävalenz noch immer über der Diagnoseprävalenz ist, was bedeutet: Es sind eigentlich noch viel mehr Menschen krank. Das finde ich einen extrem beunruhigenden Befund. Und Ihre Beschwichtigungstheorie macht die Beunruhigung nicht besser.

          Während Sie, Herr Dornes, sagen, es gibt heutzutage nicht mehr depressive Menschen, sondern nur mehr Depressionsdiagnosen, sagen Sie, Herr Rosa, es gibt trotz der Zunahme der Diagnosen noch viel mehr Fälle von Depression, die durch ein neues Unbehagen am Kapitalismus ausgelöst werden. Stimmen Sie überein, dass Sie darin nicht übereinstimmen?

          Rosa: Einverstanden.

          Dornes: (knurrt)

          Machen wir es einmal konkret: Nehmen wir eine Chefsekretärin mit einer tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden. Um 18 Uhr ist sie zu Hause, alles ist wunderbar, aber sie klebt wider Willen an ihrem Chef, der gerne auch nachts arbeitet. Ab 19 Uhr rollen die E-Mails rein, die kurze Bitte, noch schnell den Flug für morgen umzubuchen. Nebenbei muss die Chefsekretärin ihre beiden Kinder mit Abendbrot versorgen und die Hausaufgaben kontrollieren. Ist diese Frau Burnout-gefährdet?

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