https://www.faz.net/-gqe-8iork

Streitgespräch : Macht der Kapitalismus uns krank?

Rosa: Das ist ein gutes Beispiel, denn man sieht hier, dass gar nicht die direkten Anforderungen das Problem darstellen, sondern auch die Identifikation mit der Arbeit. Menschen arbeiten gerne. Auch diese Sekretärin arbeitet wahrscheinlich gerne und fühlt sich ihrem Chef verpflichtet. Dann ist ihre Frage nicht: Bin ich rechtlich verpflichtet, jetzt noch per Mail zu antworten, oder wird mir sonst gar gekündigt? Sondern sie weiß: Es ist einfach wichtig, dass ich das jetzt tue. Das passiert auch häufig im Pflegebereich. Meine Schwester arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung, dort fällt häufig einer aus. Dann hat man eigentlich Wochenende, aber man muss trotzdem ran. Die Menschen identifizieren sich mit ihrer Arbeit, mit den Kollegen, mit den Kindern und erledigen dann natürlich ihre Arbeit.

Und was hat das mit Burnout zu tun?

Rosa: Burnout tritt dann ein, wenn alle Termine und Aufgaben die gleiche psychische Form annehmen. Wenn man das Gefühl hat, selbst der Kindergeburtstag ist einfach nur noch ein Eintrag in der To-do-Liste, dann kippt das in eine Burnout-Gefährdung. Dabei spielt es für mich keine Rolle, dass der Druck nicht nur aus der Arbeit kommt. Im Gegenteil: Mein Interesse gilt der kapitalistischen Gesellschaft im Ganzen, die so etwas zur Folge hat, nicht nur für den Arbeitsplatz.

Herr Dornes, haben Sie Verständnis für die Zwangslage der Chefsekretärin?

Dornes: Ich habe jedes Verständnis für sie. Ich würde ihr auch sagen, wir machen ein Arbeitsplatzmanagement und eine psychologische Beratung, und dann sehen wir, wo die Schwierigkeiten liegen. In der Regel liegen die Probleme in einem großen Mittelfeld von Arbeitsplatzgestaltung, persönlichen Fähigkeiten und der Unfähigkeit, sich abzugrenzen.

Martin Dornes (Psychologe): Uns geht es so gut wie nie.
Martin Dornes (Psychologe): Uns geht es so gut wie nie. : Bild: Frank Röth

Rosa: Was macht die Menschen wirklich krank? Wenn die Menschen sich engagieren und merken, es kommt nichts zurück, entwickeln sie irgendwann eine zynische Haltung und bekommen Burnout. Wichtig ist doch: Anstrengung, schnell rennen müssen ist für die Menschen kein Problem. Das macht sie ganz bestimmt nicht psychisch krank. Es ist geradezu umgekehrt: Es ist ein Faktor für psychisches Wohlbefinden, dass man sich gelegentlich oder auch häufig sehr anstrengen muss, um ein Ziel zu erreichen. Dann bekommt man die Erfahrung: Ich habe etwas geleistet. Burnout kommt daher, dass man jede Ziellinie aus den Augen verliert. Die Chefsekretärin hat doch das Gefühl: Es ist egal, wie effizient ich heute arbeite, morgen wird es noch schlimmer, da kommt noch was drauf.

Hartmut Rosa (Soziologe): Der Kapitalismus macht uns krank.
Hartmut Rosa (Soziologe): Der Kapitalismus macht uns krank. : Bild: Frank Röth

Womit hängt das zusammen?

Rosa: Damit, dass Menschen heute das Gefühl haben, dass sie immer schneller laufen müssen, nur um stehen zu bleiben. Ich erinnere an den berühmten Fall der France Telecom, wo es eine große Suizidwelle gab. „Time to move“ hieß der Slogan des Unternehmens damals: Die Mitarbeiter sollen nie länger als drei Jahre an einem Arbeitsplatz sein und sich dann weiterbewegen. Das führt zu einem Gefühl der Ziellosigkeit und der Vergeblichkeit. Es gibt keine Ziellinie, keinen Horizont. Das ist das Problem für die Menschen, nicht die Anforderungen als solche.

Weitere Themen

Topmeldungen

K-Frage in CDU-Fraktion : Die Söder-Fans kommen aus der Deckung

Im Streit um die Kanzlerkandidatur für die Union werden die Handschuhe ausgezogen. Armin Laschet und Markus Söder stehen sich vor der Bundestagsfraktion gegenüber. Dort bekommt der CSU-Chef viel Unterstützung.
Sars-CoV-2-Viren haften auf der Oberfläche von Zellen.

Virus-Variante B.1.1.7 : Tödlich, tödlicher, doch nicht am tödlichsten?

Ist die Coronavirus-Variante B.1.1.7 nicht so gefährlich wie gedacht? Das sollen zwei britische Studien belegen. Tun sie aber nicht. Als Zeugnis für „Übertreibungen“ taugen sie kaum, wie die genaue Lektüre zeigt.
Leerstühle: Manche machen sich nicht einmal die Mühe, ihren Impftermin abzusagen – sie bleiben einfach weg.

Abgesagte Impftermine : Die Folgen der Astra-Zeneca-Verweigerung

Der Wirkstoff von Astra-Zeneca ist so unbeliebt, dass viele Hessen ihrem Impftermin fernbleiben. Angeblich verfällt aber deswegen keine Dosis. Ministerpräsident Bouffier ist wegen der fehlenden Rücksichtnahme besorgt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.