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Streit um Amerikas Geldpolitik : Bernanke verteidigt Milliardenprogramm

  • Aktualisiert am

Der Präsident der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, in Frankfurt Bild: dapd

Amerikas Notenbankchef Bernanke wehrt sich gegen Kritik an ihrer lockeren Geldpolitik: Ohne das 600-Milliarden-Dollar-Programm würden Millionen Arbeitnehmer viele Jahre unterbeschäftigt bleiben, sagte er in Frankfurt - und greift gleichzeitig China an.

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          Der amerikanische Notenbank-Chef Ben Bernanke bleibt hart: Bei seinem mit Spannung erwarteten ersten Auftritt in Europa nach der jüngsten abermaligen Lockerung der Geldpolitik in den Vereinigten Staaten verteidigt er den heftig kritisierten Schritt vehement. Das langsame Wachstum, der Rückgang der Inflation und eine seit Monaten hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit seien die Gründe für ihren vielfach kritisierten Schritt, sagte Bernanke am Freitag auf einer Konferenz der Europäischen Zentralbank (EZB). „Bei der jetzigen wirtschaftlichen Entwicklung in den Vereinigten Staaten besteht die Gefahr, dass Millionen Arbeitnehmer viele Jahre lang nicht beschäftigt oder unterbeschäftigt bleiben. Für unsere Gesellschaft sollte dies inakzeptabel sein“. Kritik an dem Schritt war vor allem aus den Schwellenländern, aber auch Deutschland gekommen.

          In den vergangenen Tagen haben bereits mehrere amerikanische Notenbanker, darunter Bernankes Vize Janet Yellen und der Chef der wichtigen Fed of New York, William Dudley, das Anfang des Monats beschlossene neue 600-Milliarden-Dollar-Programm der amerikanischen Notenbank verteidigt - eine recht ungewöhnliche Kommunikationsoffensive. Ihre Aktion soll die lahmende Wirtschaft Amerikas mit billigem Geld versorgen und damit Investitionsanreize schaffen.

          Der Schritt schwächt jedoch zugleich den Dollar. Die Maßnahme ist deshalb im In- und Ausland umstritten. Viele Länder, vor allem die großen Schwellenländer fürchten, dass die Politik der Federal Reserve über Kapitalimporte zu einer starken Aufwertung ihrer Währungen führt und so ihren Export belastet. Bernanke machte indes klar: „Nicht eine einzelne Währung ist Schuld am Entstehen von Defiziten oder Überschüssen und damit an Ungleichgewichten, sondern das Verhalten vieler Länder.“

          Er spricht: Der Präsident der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, auf einer Konferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

          Streit mit China geht weiter

          China, das ebenfalls zu den Kritikern gehört, warf Bernanke zum wiederholten Mal vor, durch künstliche Unterbewertung der Landeswährung Yuan Übersprungeffekte zu verstärken, „die nicht existieren würden, wenn der Wechselkurs die ökonomiswchen Fundamentaldaten besser widerspiegeln würde“. China finanziere deshalb seinen enormen ökonomischen Aufstieg nicht zuletzt auf dem Rücken anderer und ziehe die Folgen seines Handelns für die Weltwirtschaft nur unzureichend in Betracht. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, sagte in Frankfurt, er sei überzeugt, „dass Länder, wenn sie wie China größere Spieler werden, auch begreifen müssen, dass sie mehr Verantwortung haben.“ Während Bernanke und Strauss-Kahn redeten, erhöhte Chinas Zentralbank den Mindestreservesatz für die Banken.

          Henrique Meirelles, Chef der Notenbank Brasiliens, einem der größten Schwellenländer, sparte nicht mit Kritik an der Politik Bernankes: „Es ist schlicht ein Fakt, dass es Ungleichgewichte und politische Entscheidungen gibt, die zu Kapitalimporten führen, die gefährliche Folgen haben können. Jede Zentralbank wird darauf ihre eigene Antwort finden müssen.“ Brasilien hat bereits mit Kapitalverkehrskontrollen gedroht, um die heimische Wirtschaft zu schützen.

          Gastgeber EZB-Präsident Jean-Claude Trichet blieb bei der Notenbanker-Konferenz gegenüber Bernanke wie erwartet zurückhaltend und bekräftigte, er teile dessen grundsätzliche Ansicht, dass ein starker Dollar wichtig für die Weltwirtschaft sei.

          Arbeitslosigkeit bleibt bei ungewöhnlich hohen knapp zehn Prozent

          Gegenwind für seinen geldpolitischen Kurs bekommt Bernanke nicht nur im Ausland, sondern auch in den Vereinigten Staaten und aus der Notenbank selbst von einigen Chefs regionaler Repräsentanzen. Zuletzt hatten darüber hinaus mehrere republikanische Finanzexperten demonstrativ gegen seine Politik Front gemacht. Ihnen hielt der Zentralbankchef entgegen, eine weitere Ausweitung der Geldmenge sei angesichts der großen Probleme der Wirtschaft das einzig sinnvolle Rezept: „Der beste Weg um den Dollar zu stärken und zugleich die Erholung der Weltwirtschaft zu unterstützen ist eine Politik, die im Kontext stabiler Inflationsraten zu einem robusten Wachstum beiträgt.“ Die Notenbank habe ihre Entscheidung „im vollen Bewusstsein der Rolle des Dollars als Weltleitwährung“ getroffen.

          Die Vereinigten Staaten kommen nach wie vor nur sehr zäh aus der auf die schwerste Finanzkrise seit Jahrzehnten gefolgten tiefen Rezession. Zwar wächst die Wirtschaft wieder, doch verharrt die Arbeitslosigkeit bei für die Vereinigten Staaten ungewöhnlich hohen knapp zehn Prozent. Zudem ist die Teuerung so niedrig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Bernanke und andere wichtige Ökonomen fürchten deshalb, dass die Wirtschaft Amerikas in eine Spirale fallender Preise abgleiten könnte. Dies würde sowohl den Konsum als auch die Investitionen der Unternehmen hemmen und somit in einem Abwärtsstrudel münden - wahrscheinlich mit noch mehr Arbeitslosen.

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