https://www.faz.net/-gqe-6kwfk

Streiks in Marseille : Der Hafen wird Opfer der Rentenreform

Langes Warten auf die Einfahrt: Streikende Arbeiter blockieren die Ölterminals im Hafen von Marseille Bild: dapd

Seit dreißig Tagen blockieren die Gewerkschaften die Ölverladung im Hafen von Marseille - so lange wie noch nie. Dabei müsste der Hafen dringend reformiert werden. Denn er verliert Marktanteile. Hamburg, erst recht Rotterdam verladen längst die zig-fache Menge Container-Gut.

          Die Warteschlange ist beeindruckend. Wer von Marseille aus siebzig Kilometer nordwestlich fährt, sieht in der Bucht von Fos sur Mer und darüber hinaus achtzig Öltanker regungslos im Wasser liegen. Das Ölterminal Lavera ist jetzt seit dreißig Tagen wegen Streik geschlossen. „Das ist ein trauriger Rekord“, sagt seufzend Frédéric Dagnet, stellvertretender Direktor für Strategie und Finanzen bei der Hafengesellschaft von Marseille. Der letzte lange Streik dauerte vor drei Jahren 17 Tage. Die unterirdischen Ölleitungen ins Landesinnere - davon eine bis nach Karlsruhe - sind weitgehend trockengelegt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Mehrere Konflikte zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern haben sich in Marseille ineinander verhakt. Es begann mit den Protesten gegen die 2008 beschlossene Hafenreform, die bis heute nicht umgesetzt ist, und findet jetzt den Höhepunkt im Widerstand gegen die Rentenreform von Präsident Nicolas Sarkozy. Der Hafen von Marseille, der einer der größten Umschlagplätze der Welt sein könnte, ist stattdessen eines der größten Opfer der blockierenden Gewerkschaften. Zur Freude von Konkurrenten wie Hamburg, Rotterdam, Antwerpen, Zeebrügge, Genua und Barcelona verliert Marseille seit Jahrzehnten Marktanteile.

          Einer, der das hautnah miterlebt, ist Raymond Vidil, Chef der Container-Transportgesellschaft Marfret. „Wussten Sie, dass nur noch dreißig Prozent aller Container-Importe über französische Häfen nach Frankreich kommen?“, fragt er mehr resigniert als erregt in seinem Büro die Besucher. 70 Prozent gehen in ausländischen Häfen an Land und gelangen dann per Lastwagen nach Frankreich. Marseille verlud im vergangenen Jahr nur gut 8,6 Millionen Tonnen Container-Gut, während Hamburg auf mehr als 70 Millionen Tonnen und Rotterdam auf gut 100 Millionen Tonnen kamen.

          Am alten Hafen: Das Müllproblem wurde inzwischen gelöst

          Bei den Gewerkschaften regiert kein Reichtum

          Sarkozy versucht mit einer Hafenreform gegenzusteuern, die privaten Unternehmen mehr Verantwortung zuweist. Anders als in allen anderen europäischen Häfen befinden sich in Frankreich die Arbeiten des Ausladens per Kran sowie die dafür zuständigen Beschäftigten und Anlagen noch in Händen der staatlichen Hafengesellschaften. Damit kommen die Waren der privaten Reeder an, werden von staatlichen Kranfahrern ausgeladen und dann wieder von Dockern privater Gesellschaften gelagert oder weiterverladen. „Das ist eine komplizierte, ineffiziente und teure Arbeitsteilung“, sagt Hafenmanager Dagnet. Mit der Reform von 2008 sollen die Kranfahrer und ihre Anlagen zu den Dockern der privaten Verladegesellschaften überführt werden. „Diesem Schema folgt man in allen anderen Häfen Europas, und sie fahren gut damit“, sagt Dagnet.

          Nach Arbeitgeber-Angaben kann ein Kranführer am Hafen von Marseille 4000 Euro brutto monatlich bei 18 Stunden Wochenarbeitszeit verdienen. „Manchmal geht es sogar bis 6000 Euro“, sagt der Transporteur Vidil. Die Kranführer erhalten ein Grundgehalt von der staatlichen Hafengesellschaft sowie Produktivitätsprämien von den privaten Verlade-Unternehmen. Die Gewerkschaften dementieren die Gehaltsangaben jedoch heftig.

          Besuch bei Mireille Chessa, CGT-Gewerkschaftssekretärin für das Departement Bouches du Rhône. Sie residiert in einem ziemlich heruntergekommenen Gebäude nahe dem Bahnhof von Marseille. Im stockdunklen Aufzug - die Glühbirne ist mal wieder ausgefallen - geht die Fahrt in den vierten Stock. Hier regiert kein Reichtum, und man merkt, dass sich die Gewerkschaften auch keine Streikkassen leisten können. Damit müssen die Streikenden bei jeder Arbeitsniederlegung auf Gehalt verzichten.

          Chessa empfängt ihre Besucher freundlich, aber bestimmt. „Diese Gehaltsangaben sind völlig frei erfunden. Das zeigt, wie extrem die Arbeitgeber hier in Marseille sind“, sagt sie. Schnell macht sie ihren politischen Standpunkt klar. „Wir brauchen eine neue Aufteilung des Reichtums in unserem Land. Der Anteil der Arbeitgeber und ihrer Aktionäre ist zu hoch. Daher ist auch die Rentenreform so ungerecht. Sie wird auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.“ Sie räumt ein, dass die Länge des Streiks zu großen Spannungen im Land führe. Doch schuld daran seien nicht die Gewerkschaften, sondern Sarkozy aufgrund seiner Weigerung, über die Rentenreform abermals zu verhandeln. „Er nimmt das Risiko in Kauf, dass sich die Dinge radikalisieren“, sagt Chessa.

          „Gott gab diesem Land viele Trümpfe“

          Mit ihren Protesten hatten die Gewerkschaften in Marseille in der Vergangenheit immer wieder Erfolg. So auch bei der aktuellen Hafenreform. Am Ölhafen haben die Gewerkschaften durchgesetzt, dass 60 Prozent der noch zu gründenden Verladegesellschaft in der Hand der staatlichen Hafengesellschaft bleiben. Wenn die Verladegesellschaft in Zukunft in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sollte, dann werden die Kranführer das Recht haben, zur staatlichen Hafengesellschaft zurückzukehren. Doch diese Garantien reichen ihnen immer noch nicht. Kürzlich haben sie wieder gefordert, dass sie ganz bei der staatlichen Hafengesellschaft beschäftigt bleiben.

          An den Verladestationen für den Containerverkehr in Marseille sowie im Schwesterhafen Fos sur Mer haben die Gewerkschaften unlängst verlangt, dass sie aufgrund körperlich schwerer Arbeit mit 55 Jahren in die Rente gehen dürfen. Daher ist der Containerhafen von Marseille seit Monaten blockiert. Der Transporteur Vidil hat seinen Container-Verkehr unterdessen ins weiter westlich gelegene Séte und nach Spanien verlagert. „Gott gab diesem Land viele Trümpfe, vielleicht mehr als anderen Ländern, doch zum Ausgleich gab er Frankreich auch die CGT“, stöhnt Vidil.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.