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Streik der Klinikärzte : „Vom Halbgott zum Depp der Nation“

Dr. Brinkmann, als in der Klinik noch (fast) alles in Ordnung war Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Deutsche Klinikärzte streiken. Und fordern 30 Prozent mehr Lohn. Doch nach Leistung wollen sie nicht bezahlt werden. „Das ist die brutalste Mitgliederwerbung einer Gewerkschaft, die ich kenne“, sagt Karl Lauterbach.

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          Olli Miettinen liebt die Provokation. „Die lange Medizinerausbildung dient allein dazu, die hohen Einkommen der Ärzte zu rechtfertigen", doziert Miettinen: „Ärzte akzeptieren nicht, daß sie keine Wissenschaftler sind, sondern Handwerker für die Patienten."

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Miettinen ist nicht nur Arzt. Der 68jährige Finne ist Professor für Epidemiologie und Biostatistik, hat lange in Harvard gelehrt und forscht heute an der McGill-Universität im kanadischen Montreal. Seine freche Botschaft lautet: Ärzte haben sich in allen westlichen Gesellschaften als wissenschaftliche Kaste installiert, ausgestattet mit kultureller Autorität, ökonomischer Macht und großem politischen Einfluß.

          „Wir sind keine Bauchmetzger“

          Konfrontiert man Dr. Boris Fröhlich mit den Provokationen Miettinens, gerät der ruhige Mann richtig in Rage: „Wir sind keine Bauchmetzger", sagt der junge Oberarzt. Fröhlich arbeitet als Chirurg am Universitätsklinikum Heidelberg. Wissenschaftliche Forschung und Lehre zählen selbstverständlich zu seinen Aufgaben, ebenso die tägliche Arbeit im OP.

          Bild: F.A.Z.

          Zum Handwerker will Fröhlich sich nicht degradieren lassen. Immerhin ist Heidelberg eines der angesehensten medizinischen Zentren in Deutschland. In 42 Kliniken und 1700 Betten werden jährlich 600.000 Patienten behandelt.

          Seit vergangenem Donnerstag befindet sich Fröhlich im Streik - wie auch die anderen 22.000 Ärzte an Uniklinien und Landeskrankenhäusern. Unbefristet. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Auch am Montag sind wieder Protestmärsche und Demos in vielen Universitätsstädten geplant. "Wir wollen die Gesellschaft warnen", sagt Fröhlich. Das hat schon am zweiten Streiktag bei den Ärzten besser funktioniert als während sechs Wochen Arbeitsniederlegung der Müllwerker von Verdi. 30 Prozent mehr Gehalt wollen die Ärzte für sich herausschlagen. „Die hat man uns in den letzten Jahren weggenommen“, sagen sie. Mit so einer Forderung würde IG-Metall-Chef Jürgen Peters für verrückt erklärt werden. Doch die Ärzte erhalten einfühlende Aufmunterung quer durch die Bevölkerung. Kein Wunder. Denn die Ärzte verstehen es, ihren Streik glänzend öffentlich zu verkaufen. „Die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitszeiten sind miserabel und die Karriereaussichten desaströs“, so lautet, auf einen Nenner gebracht, ihre Klage. Die Konsequenzen kann sich jeder selbst ausmalen: Die Behandlung der Patienten leidet, die guten Ärzte wandern ab. „Wir sehen uns in Norwegen“ steht auf einem Transparent der Demonstranten.

          Fröhlich nennt aus dem Stand ein Dutzend Kollegen, die in den vergangenen Jahren Heidelberg verlassen haben und heute in Sydney, Boston oder Bern operieren. Allein 2600 deutsche Ärzte haben sich im vergangenen Jahr nach Großbritannien davongemacht. „Es sind nicht die schlechtesten“, sagt Fröhlich.

          Gehälter der deutschen Klinikärzte am unteren Ende

          Tatsächlich rangieren die Gehälter der deutschen Klinikärzte am unteren Ende, wenigstens dann, wenn man sie mit dem Einkommensniveau westlicher Länder vergleicht. 56.000 Dollar beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen hierzulande. Die Briten bieten 127.000, die Amerikaner gar 268.000 Dollar.

          Im Vergleich zum deutschen Durchschnitt ist Oberarzt Fröhlich ein Besserverdiener: Rund 85.000 Euro erhält er brutto im Jahr. Das umfaßt Grundverdienst samt Nacht- und Sonntagszuschlägen und bringe, berechnet auf täglich 12 bis 14 Stunden Normalarbeitszeit (zuzüglich Nachtdienste), gerade einmal einen Stundenlohn von 12 Euro, klagt Fröhlich.

          Ein bißchen merkwürdig ist es schon, daß akademisch ausgebildete Forscher in Führungspositionen mit Stundenlöhnen argumentieren. Woran bemißt sich der Lohn eines Klinikarztes? Fröhlichs Kollege in der Chirurgie, Stationsarzt Dr. Marc Martignoni, hat eine einfache Formel: "Ich will mir ein Auto leisten und meiner Familie ein Haus bauen." Das mag zwar ökonomisch keine besonders befriedigende Antwort sein, sie zeigt aber, daß der Antrieb zum Ärztestreik auf eine Kränkung zurückgeht.

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