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Strauss-Kahn-Nachfolge : Alle warten auf Christine Lagarde

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Kaum ist Dominique Strauss-Kahn weg, da verständigen sich die Deutschen auf eine Französin für seine Nachfolge. Gibt es hierzulande keine geeigneten Kandidaten? Oder mag die Bundesregierung nur nicht für sie kämpfen?

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          Jetzt rechnen sie wieder in Washington, drei Blocks vom Weißen Haus entfernt, wo die Europa-Abteilung in der Zentrale des Internationalen Währungsfonds zu Hause ist. Auf den Schreibtischen stapeln sich Zahlenkolonnen aus dem griechischen Finanzministerium. Die Zeit drängt, im Juni soll der nächste Prüfbericht fertig sein. Es geht um Griechenland und die Frage, ob dort genug gespart wird, ob IWF und EU weitere zwölf Milliarden Euro ins Land pumpen.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Wer beim IWF welche Rechnungen anstellt, hat vor der Euro-Krise hierzulande wenig interessiert. Doch seit sich der Fonds mit knapp 79 Milliarden Euro an der Rettung Europas beteiligt (siehe Grafik) und den Schuldenabbau der Pleitestaaten überwacht, sind die Washingtoner Technokraten begehrte Gesprächspartner. Ohne IWF müssten die Europäer alleine die Rettung bezahlen, auch die buchhalterische Strenge der Wirtschaftspolizisten schätzt man in Deutschland. Wie vorvergangene Woche, als der Leiter der IWF-Europa-Abteilung in Frankfurt erklärte, seine Beamten hätten bei den Griechen staatlichen Immobilienbesitz im Wert von 280 Milliarden Euro entdeckt.

          „Da gäbe es noch einiges zu verkaufen“, sagt Antonio Borges, er macht die Vorhut für seinen obersten Vorgesetzten, den IWF-Generaldirektor Dominique Strauss-Kahn, der ein paar Tage später einen Termin bei der deutschen Kanzlerin hat. Doch dazu kommt es nicht. Vor dem Abflug nach Europa wird Strauss-Kahn verhaftet. Der Rest ist seit vergangenem Sonntag bekannt aus Funk und Fernsehen.

          Bild: F.A.Z.

          Der Fonds kann Staaten und ganze Regionen retten

          Es dauert eineinhalb Tage, dann fordert Angela Merkel, der nächste IWF-Chef solle schnell gekürt werden und müsse wieder ein Europäer sein. Sie macht kein Hehl aus ihren Sympathien: Christine Lagarde, die französische Finanzministerin. Eine „ausgezeichnete Persönlichkeit“ und „sehr erfahrene Kandidatin“ sei die Französin, sagt Merkel gestern am Rande einer CSU-Tagung. Und Finanzminister Schäuble sekundiert: Lagarde sei in der Sache und als Person hervorragend geeignet. Deutsche Kandidaten? Fehlanzeige.

          187 Staaten sind Mitglied beim IWF, der Staaten unterstützt, die in Zahlungsschwierigkeiten sind. An wen, wie viel, wie lange, entscheidet ein 24-köpfiges Direktorium. Die Länder haben unterschiedlich viele Stimmen, die Anzahl richtet sich in etwa danach, wie viel Geld sie in den Fonds einzahlen. Mal hat ein Land weniger Stimmen, als es dem Kapitalanteil entspricht, wie Deutschland, mal mehr, wie Amerika, das knapp 17 Prozent der Stimmen hält (siehe Grafik).

          Der Generaldirektor, den seit Arbeitsbeginn im Jahr 1946 ausnahmslos die Europäer stellen, die zusammen im Fonds die Mehrheit haben, leitet die Gespräche, vermittelt zwischen Europa, Amerika, Schwellenländern und macht Politik. Der Fonds kann Staaten und ganze Regionen retten, er kann die Finanzmärkte an der Wall Street und in der Londoner City beeinflussen. Sein Chef ist ein mächtiger Mann.

          Deutschland kämpft für eine Französin

          Der IWF hat eine Art Stellenbeschreibung veröffentlicht: ein hohes Maß an wirtschaftspolitischer Erfahrung, Managementkenntnisse, diplomatische Fähigkeiten, visionäre Kraft. Angela Merkel will für den Posten unbedingt einen Europäer. Aber sie weiß auch: Einen automatischen Zuschlag gibt es nicht. Asien hat bereits Ansprüche angemeldet. Und auch aus Amerika werden Kandidaten genannt.

          „Europa muss mit einer Stimme sprechen“, tönt es deshalb aus dem Berliner Regierungsviertel. Und es muss ein Name sein, der sofort überzeugt. Bei Frau Lagarde scheint man sich sicher zu sein. Sie hat in Amerika studiert, war Anwältin in einer der größten amerikanischen Wirtschaftskanzleien, spricht perfekt Englisch und wurde als Finanzministerin gestählt in der Weltfinanz- und Schuldenkrise.

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