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Strauss-Kahn festgenommen : Dem IWF droht ein Wechsel an der Spitze

Den Kampf gegen die Schuldenkrise muss der IWF fortan offenbar ohne Strauss-Kahn führen Bild: dapd

Mitten im Kampf gegen die Schuldenkrise, die am Montag abermals Thema in Brüssel ist, steht der Internationale Währungsfonds gleich vor mehreren ungelösten Personalfragen. Spekulationen über die Nachfolge laufen bereits.

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          Mit der Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn, den Geschäftsführenden Manager des Internationalen Währungsfonds (IWF), sind seine Tage an der Spitze der Organisation offenbar gezählt. Wie auch immer der Fall ausgehe, sei ein Verbleib Strauss-Kahns im Amt nur noch unter außergewöhnlichen Umständen vorstellbar, heißt es in Washington.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Gespräche unter den Finanzministerien über einen Nachfolger, die wegen der möglichen Kandidatur Strauss-Kahns für die französische Präsidentschaft informell schon begonnen hatten, werden nun an Geschwindigkeit gewinnen. Denn mitten in der ungelösten europäischen Schuldenkrise droht dem Fonds ein Vakuum an der Spitze. Erst vergangene Woche hatte der zweite Mann im IWF, der amerikanische Ökonom John Lipsky, erklärt, nach Ende seiner Amtszeit im August nicht mehr zur Verfügung zu stehen (siehe Vize-Chef Lipsky verlässt den Währungsfonds).

          Strauss-Kahn war am Samstag wegen versuchter Vergewaltigung festgenommen worden (siehe IWF-Chef festgenommen: Vorwurf versuchter Vergewaltigung). Sein Anwalt erklärte noch in der Nacht auf Sonntag, Strauss-Kahn werde auf unschuldig plädieren. Der Währungsfonds lehnte jeden Kommentar ab und erklärte, er sei funktionsfähig.

          Europäer und Amerikaner regeln Personalien wohl unter sich

          Die Führungspersonalien werden nun im Paket entschieden und wohl wieder zwischen Europa und Amerika untereinander ausgemacht. Schwellen- und Entwicklungsländer dringen zwar seit Jahren darauf, dass ihr größeres Gewicht in der Weltwirtschaft sich auch in den Spitzenpositionen von IWF und der Weltbank niederschlägt. Die G20-Gruppe großer Industrie- und Schwellenländer aber hat im vergangenen Jahr die Zusage eines offenen und fairen Auswahlprozesses, der sich an der Leistung der Kandidaten orientieren solle, in die Zukunft verschoben. Amerikaner und Europäer zeigen keinen Willen, am bisherigen informellen Arrangement etwas zu ändern. Danach besetzen die Europäer den Spitzenposten im IWF und die Amerikaner stellen den Stellvertreter. Im Gegenzug kommt der Präsident der Weltbank aus den Vereinigten Staaten.

          In Paris schießen nun Spekulationen um die mögliche Nachfolge beim IWF ins Kraut. Seit einigen Tagen wird die französische Finanzministerin Christine Lagarde als mögliche IWF-Chefin genannt. Aufgrund ihrer Neigung zu internationalen Themen könnte sie nach fast vier Jahren im Finanzministerium der IWF-Posten durchaus reizen, ist in Paris in ihrem Umfeld zu hören. Schlüge Europa aber einen französischen Nachfolger für Strauss-Kahn vor, könnte dies von den Schwellenländern als ein zu großer Affront aufgefasst werden, heißt es in Washington.

          Die Chancen der ehemaligen Spitzenjuristin der amerikanischen Anwaltskanzler Baker & McKenzie könnte mindern, dass ihr womöglich ein Verfahren vor dem Gerichtshof der Republik bevorsteht. Ein Staatsanwalt empfahl kürzlich ein Ermittlungsverfahren zu ihrer Rolle in der Affäre um den Geschäftsmann Bernard Tapie. Dabei geht es um die Entschädigung von 285 Millionen Euro, die der französische Staat unter Lagardes Ägide 2008 Tapie zugestanden hat.

          Nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen

          Strauss-Kahn hatte schon 2008 kurz nach Amtsantritt den Fonds in unerwünschte Schlagzeilen gebracht, als er für kurze Zeit eine Affäre mit einer Fondsökonomin hatte. Ein vom IWF eingesetzter Untersuchungsausschuss sprach ihn zwar von dem Vorwurf frei, seine Stellung als Vorgesetzter ausgenutzt zu haben (siehe Trotz Affäre: IWF-Chef Strauss-Kahn darf bleiben). Damals stimmte das Direktorium aber nur unter Bedenken seiner Weiterbeschäftigung zu und warnte Strauss-Kahn vor weiterem unangemessenen Verhalten. Strauss-Kahn erklärte damals, er habe einen schweren Beurteilungsfehler gemacht. Ihm kam zu Hilfe, dass der Fonds mitten in der Finanzkrise dringend gebraucht wurde.

          Der 62 Jahre alte Franzose steht dem IWF seit November 2007 vor. Zuvor war der Wirtschaftsprofessor französischer Finanzminister und Abgeordneter gewesen. Ihm wird allgemein zugestanden, dass er während der Finanz- und Wirtschaftskrise die Rolle des Fonds, der noch wenige Jahre zuvor vor dem Aus stand, als Polizei und Feuerwehr der Weltwirtschaft erheblich gefestigt hat (siehe Der Währungsfonds wird umgebaut und gestärkt).

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