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Atomkraft : Fukushima, die Strahlenbilanz

Journalisten und Tepco-Mitarbeiter besichtigen Fukushima Bild: REUTERS

Nach dem Atomunfall in Fukushima hat Deutschland in Windeseile die Energiewende ausgerufen. Aber worauf basiert die Zäsur? Die in Fukushima freigewordene Strahlung hatte und hat keine nachweisbaren Gesundheitsfolgen.

          Vor gut drei Jahren, am Nachmittag des 11. März 2011, erschütterte Japan ein Erdbeben der Stärke 9.0. Dem folgte innerhalb kürzester Zeit eine Serie von Tsunamis, welche ein Bild des Schreckens und der Verwüstung hinterließen: 20 000 Menschen verloren ihr Leben. Das hat das Land bis heute traumatisiert und großes psychisches und soziales Leid bewirkt.

          Hierzulande hat all dies den Status einer halbvergessenen Vorgeschichte. Als eigentliches Drama gilt die schwere Beschädigung des Atomkraftwerkes in Fukushima, was zur Kernschmelze in drei Reaktoren führte und radioaktives Material in die Atmosphäre und den Pazifischen Ozean freisetzte. Der „Gau“ wurde zur Zäsur: In Windeseile hat die damalige schwarz-gelbe Regierung eine Energiewende ausgerufen: Sonne und Wind statt tödlichen Atoms, lautete die Devise.

          Doch auf welcher Voraussetzung basiert die Zäsur? Dazu hat das „Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (Unscear)“ in der vergangenen Woche seinen lang erwarteten, umfangreichen Abschlussbericht vorgelegt. Das verstörende Ergebnis: Die in Fukushima frei gewordene Strahlung hatte keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung; es gab und gibt kein erkennbar höheres Krebsrisiko. Mehr noch: Auch für die Zukunft rechnet das Unscear nicht mit statistisch nachweisbaren Gesundheitsfolgen durch Fukushima.

          In Japan ereignete sich eine Flutwelle gigantischen Ausmaßes; trotzdem haben die Kraftwerke kein einziges Menschenleben gefordert. Wer meint, der Unscear-Bericht habe hierzulande nun eine heftige Debatte über möglicherweise falsche Voraussetzungen der flächendeckenden Atomabschaltung ausgelöst, täuscht sich. Die Meldung ging im großen Rauschen unter; was übrig blieb, wurde von ein paar atomkritischen Nichtregierungsorganisationen klein geschreddert. Das teure Großprogramm „Energiewende“ darf nicht gestört werden. Dabei lässt sich das Unscear vergleichen mit dem Weltklimarat IPCC, wo regelmäßig selbst nachrangige Nebensätze vom grünen Mainstream kanonisiert werden.

          Wenn es um das Atom geht, klaffen öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftlicher Beleg meilenweit auseinander. Bis heute hat die zivile Nutzung der Kernkraft keinen nachweisbaren vorzeitigen Krebstod verursacht (zugegeben, die Folgen von Tschernobyl sind höchst umstritten). „Das böse Ende kommt erst noch“, entgegnen darauf alle Alarmisten; es ist das übliche Totschlagargument..

          Das alles folgt der strengen Rationalität des Irrationalen: Nicht nachgewiesene Erfahrung, sondern große kollektive Ängste - insbesondere die Angst vor Krebs - speisen die Ablehnung der Kernkraft. Beide Bedrohungen, der Krebs und die Radioaktivität, markieren Gefahren, die man nicht hören, schmecken oder riechen kann.

          Ängste sind real, auch wenn sie keinen Beleg für die Wahrscheinlichkeit der Bedrohung beibringen können. Es ist deshalb in Ordnung, wenn ein Land seine Atomkraftwerke abschaltet, in der Hoffnung, sich seiner Ängste zu entledigen. Hat ein Land weniger Ängste, kann es seine Atomkraftwerke auch wieder anfahren - so wie Japan es macht.

          Politik auf Ängste zu bauen hat einen hohen Preis: Die Irrationalität lässt nüchterne Kosten-Nutzen-Erwägungen nicht zu. Wäre es anders, hätte es hierzulande eine Debatte gegeben über saubere, unweltschonende Kernenergie, im Vergleich zu schmutziger, umweltbelastender fossiler Energie. Wäre es anders, hätte man die Kosten der regenerativen Energie in einem sonnenarmen Land gegenrechnen können mit den Kosten der Atomenergie in einem erdbebenarmen Land.

          „Unser Freund, das Atom“, sangen die deutschen Linken in den fünfziger Jahren. Und schwärmten von dessen friedlicher Nutzung. Alles verdrängt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

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